Seit ungefähr zwei Stunden bin ich wieder in Arequipa und da wir beschlossen haben, erst am Sonntag nach Lima zu fahren, habe ich jetzt sogar noch die Zeit, um einen Blogeintrag zu verfassen. :)
Ich lade jetzt nur erst einmal einige wenige Fotos hoch, die anderen, insbesondere von den Kindern, kommen später irgendwann.
Montagmorgen hieß es, um acht kommt der Bus, halb neun geht es los. Sogar für peruanische Verhältnisse waren wir spät dran, da der Bus erst um zehn da war. Das hat mir eigentlich ganz gut gepasst, da ich nämlich noch so einiges zu erledigen und zu packen hatte und die hora peruana mir eigentlich sehr gut gefällt, da ich dadurch nicht immer so gestresst bin. Als wir alles in den Bus packen wollten, haben wir festgestellt, dass nicht genug Matratzen in den Bus passen, also wurde der Fahrer kurzerhand bestochen, dass er den Raum, wo eigentlich sein Bett ist, auch noch freigibt. Und ja, Peru hat ein sehr großes Problem mit Korruption …
| Willkommen in Camaná! |
Mit fast 50 Kindern und ungefähr 20 Matratzen fuhren wir dann endlich los, raus aus dem im Moment wieder verregneten Arequipa, ab nach Camaná, ans Meer! Die 4 Stunden Fahrt gingen recht schnell vorbei, auch wenn ich absolut nicht nachvollziehen kann, wieso man einen Film wie „Pans Labyrinth“ in einem Bus zeigt, in dem auch Kleinkinder sitzen. In Camaná angekommen kam erst einmal der große Schock – das Haus, das uns dort erwartete, war nichts weiter als eine Ruine. Na super, das kann lustig werden, die Freude darüber war auch den Kindern deutlich anzumerken. Aber nun gut, ändern kann mans sowieso nicht mehr, also muss man irgendwie das Beste aus den kommenden Tagen machen und immerhin waren wir direkt am Strand.
Nachdem die Ruine irgendwie halbwegs für-einige-Tage-überlebens-tauglich gemacht wurde, konnten wir uns dann endlich in die eiskalten Wellen des Pazifiks stürzen. Und das hat dann wirklich alle Mühen entschädigt! Mit den Großen konnten wir uns etwas weiter draußen einen Kampf mit den Wellen liefern und die Kleinen hatten eine Art natürliches Schwimmbad, eine sehr, sehr große Pfütze etwas weiter weg von den Wellen, wo sie die ganze Zeit glücklich plantschen konnten.
| Das "Schlafzimmer" der großen Jungs, die sich je zu zweit eine Matratze teilen mussten |
Am zweiten Tag wurden wir in Gruppen eingeteilt, jeweils eine Tutora und ein Freiwilliger war für ungefähr 11 Kinder verantwortlich. Insgesamt gab es vier Gruppen, wobei wir aber nur mit den drei Gruppen, die aus den kleinen Kindern und den Mädchen bestanden, täglich wechselten. Für die vierte Gruppe, die großen Jungs, waren die ganze Zeit der Tutor der Jungs und Alessandro, ein neuer Freiwilliger aus Italien, verantwortlich. Das war allerdings nicht so streng und letztendlich sah die Arbeitsaufteilung zwischen den Tutoras und uns so aus, dass die Tutoras auf die Kleineren achteten, die nicht ins Meer gingen, und wir Freiwilligen eigentlich fast den ganzen Tag in den Wellen verbrachten. Zum Mittagessen ging es zurück in unsere Ruine, danach war Mittagsschlaf angesagt (also ich hab zumindest tief und fest geschlafen) und anschließend gingen wir wieder bis zum Abendessen an den Strand. Und es war so toll, mit den Kindern am Strand zu spielen, Sandburgen zu bauen, sich Wasser- und Sandschlachten zu liefern, Schach zu spielen, zu reden, sich Botschaften in den Sand zu schreiben und und und. Was natürlich nicht fehlen durfte und auch am letzten Tag einfach nicht langweilig wurde, waren Witze über meinen Namen. Bis zuletzt hat mir kein Kind geglaubt, dass ich mich in eine Meerjungfrau verwandeln werde und zu meinem Haus im Pazifik schwimmen werde, sobald ich ins Wasser bin. Die haben einfach nicht richtig hingeschaut!
| Die ganzen sandigen Klamotten wurden im Bach ausgewaschen |
Am Morgen des ersten Tages versetzte uns ein relativ starkes Erdbeben in Angst und Schrecken. Da Camaná 2001 schon einmal von einem Tsunami ziemlich stark getroffen wurde (ich gehe später noch einmal darauf ein), war auch die Angst da, dass es einen erneuten Tsunami geben könnte. Also haben sich alle Mitarbeiter zu einer kleinen Reunion getroffen und es wurde das Verhalten im Falle eines erneuten Erdbebens und/oder eines Tsunamis besprochen. So unwahrscheinlich es auch möglicherweise ist, das Risiko besteht und diese Tatsache fand ich ziemlich beängstigend.
| Und auch das Geschirr musste im Bach gewaschen werden. Rechts im Bild ist übrigens unser Haus. |
Wenige Meter von unserer Ruine entfernt war eine andere Ruine, die noch um einiges schlimmer aussah, beide Gebäude wurden durch diesen Tsunami verwüstet. Nachdem wir am dritten Tag mitbekommen hatten, dass sich zwei der großen Jungs Waffen zugelegt hatten, dieselben Jungs, die mir noch wenige Tage vorher unter Tränen von ihren toten Eltern erzählt hatten und den ganzen unzähligen Schlägen und Verletzungen, die sie in ihrer Kindheit hatten einstecken müssen, war ich sehr, sehr nachdenklich geworden und brauchte ein wenig Zeit für mich, um allein zu sein und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen und bin zu eben dieser anderen Ruine gegangen. Ich weiß immer noch nicht, was ich groß sagen soll. Es war ein sehr beängstigender und unheimlicher Ort und je mehr ich mich in den Trümmern umgesehen habe, desto stiller wurde ich, auch in meinen Gedanken. Es roch, auch nach über 10 Jahren, immer noch verbrannt, da waren einzelne Schuhe, ein Kinderpullover, ein Kuscheltier und so viele Fragen, die unbeantwortet im Raum stehen. Was ist aus den Besitzern dieses Hauses geworden? Wie geht das Leben nach einer solchen Naturkatastrophe weiter, wie leben die Menschen damit, wo doch nicht nur die Häuser zerstört werden? Und was ist mit meinen Kindern? In welchem Moment beschließen zwei so talentierte, fürsorgliche und liebevolle Kinder, die gerade einmal 13 und 14 Jahre alt sind, sich Waffen zuzulegen? Es gibt viel zu viele solcher Ruinen auf der Welt, das ist alles, was ich weiß. Und was ich beginne zu verstehen, ist, wie hart das Leben für die Menschen hier in Peru wirklich ist.
Nach einer Woche ohne Wasser und Strom weiß ich zu schätzen, welch ein Luxus das ist, wenn man den Wasserhahn aufdrehen oder das Licht anmachen kann, wenn man ein Haus mit einem Bett und Tisch und Stühlen und Klo hat, welch ein riesengroßer Luxus das ist, dessen man sich gar nicht so bewusst ist und den sich unzählige Menschen nicht leisten können.
An einem Abend ist einer der kleineren Jungs krank geworden und ich habe ihn ins Bett gebracht. Weil es ihm sehr schlecht ging, bin ich noch bei ihm geblieben und habe angefangen, ihm einige Schlaflieder vorzusingen, was eigentlich wiederum sehr lustig war, weil ich von den meisten nur noch ein, zwei Strophen sowie die Melodie im Kopf hatte und deshalb einfach irgendetwas gesungen habe. Es war ohnehin egal, weil er ja kein Wort davon verstanden hat. Eben dieser Junge ist derjenige, der am liebsten neue Wörter in anderen Sprachen lernt, dementsprechend kann er ein bisschen was auf Deutsch und Englisch, mehr als die anderen, die nur deutsche Schimpfwörter und Deine-Mudda-Sprüche können. Als er fast schon eingeschlafen war, sagte er etwas, das ich zunächst nicht ganz verstanden habe, bis mir klar wurde, dass er sich gerade auf Deutsch bedankt hat, für etwas, für das sich kein Kind auf dieser Welt bedanken sollte, weil es normal sein sollte.
Diese Woche war in jedem Sinne unvergesslich und hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen und auch, wenn ich mich auf die nächsten zwei Wochen freue, die Kinder werden mir ganz schrecklich fehlen.
| Bilder der anderen, völlig zerstörten Ruine |
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