Samstag, 22. Oktober 2011

Vom freiwilligen und unfreiwilligen Geldausgeben

Was gibts Neues?
Mittlerweile fällt es mir schwer, zu berichten, weil alles völlig normal geworden ist. Aber manchmal gibt es dann wieder etwas, was mir doch berichtenswert erscheint.
Eigentlich wollten wir heute nur kurz Kartoffeln sowie ein leeres Buch für mich kaufen sowie uns am Busterminal erkundigen, mit welchen Bussen wir wie billig wie sicher nach Nazca fahren können. Wir hatten 100 Soles abgehoben und damit sind wir in die artesanías gegangen, was an sich schon gefährlich genug war, aber ich wollte ja nur schnell ein Buch kaufen. Dann ist das Unvermeidliche passiert, ich habe eine wunderschöne, fantastische, warme Jacke gesehen, die ich einfach kaufen musste. Dazu hat keine Alternative existiert. Zusammen mit ein paar wunderbaren Socken war ich dann schon um 66 Soles ärmer, dann kann ich ja auch gleich alles ausgeben. Ich hatte eh mal vor, mich so richtig auszutoben, aber erst nach dem Urlaub. Nach der Jacke war es dann allerdings auch egal ... Die 100 Soles waren schnell weg, dafür habe ich jetzt diese tolle Jacke, diese tollen Socken, eine Kameratasche, einen Gürtel, eine Federmappe, einen Stift, einen Schal und, was ich mir die ganze Zeit schon kaufen wollte, ein wunderbar lila-buntes Babytragetuch, nur für den Fall, dass ich nach diesem Jahr von Kindern nicht die Schnauze voll habe.
Überflüssig zu erwähnen, dass ich das Buch selbstverständlich nicht gekauft habe. 
Dann sind wir also zum Busterminal gefahren und haben uns an einem Schalter mit den Typen festgequatscht, die uns allerdings auch gute Tipps für Nazca und Ica geben konnten, was aber wieder absolut typisch ist, man kennt sich nicht und quatscht eine Viertelstunde.
Irgendwann haben wir dann den nächsten Combi nach Hause genommen.
Während der Fahrt ist mir dann aufgefallen - Scheiße. Mein Handy ist weg. Wo zum Teufel ist das??
Nicht mehr in der Tasche. Die dafür ein Loch hatte. Was sie zwar schon vorher hatte, aber nur der Stoff außen, nicht innen, es konnte nichts rausfallen. Jetzt hat sie auch ein recht großes außen und es kann etwas sehr gut rausfallen.
Jemand hatte uns mal gewarnt, dass es möglich ist, dass sie die Taschen aufschlitzen und dich dann unbemerkt ausrauben, natürlich haben wir in diesem Moment daran gedacht.
Letzten Endes habe ich aber keine Ahnung. Das letzte Mal hab ich auf mein Handy gesehen, als wir im Taxi zum Terminal saßen. Vielleicht habe ich es beim Aussteigen verloren, vielleicht hat es jemand geklaut. Keine Ahnung, jedenfalls ist es weg.
Ich war und bin unheimlich froh, dass es weder Geld noch Schlüssel waren. Das Geld wäre ärgerlich gewesen, aber kein Weltuntergang, nur hatte ich auch meine Kreditkarte bei mir und das wäre ein Albtraum gewesen. Das Handy kann ich ohne weiteres verschmerzen, ich habe meines aus Deutschland bewusst nicht mitgenommen und mir hier gleich am Anfang ein billiges gekauft, das für mich eigentlich überhaupt keinen Wert darstellt. Klar ist es blöd, dass ich jetzt zum Handyshop rennen, alles klären und schon wieder Geld ausgeben muss, um mir eine neue Tasche und ein neues Handy zu kaufen, aber letzten Endes tun mir die 10-20€ auch nicht weh. Und da es nicht meine Kreditkarte oder meine Kamera betrifft, bin ich eigentlich schon wieder darüber weg und in Zukunft noch vorsichtiger.
Ich mochte das Ding ohnehin nicht, bin nie so richtig mit den Tasten klargekommen. :D


Umgebung von Arequipa

Mein Arequipa :)

Plaza de Yanahuara



Freitag, 14. Oktober 2011

Ehrfurcht

Nichtsahnend liege ich im Bett, höre Musik, schreibe eine Nachricht, faulenze ein wenig und da passiert es. Mein Bett fängt an zu wackeln. Es ist nicht das erste Mal, aber es ist das erste Mal, dass es so stark ist. Es wackelt und wackelt und ich merke, wie der Fußboden bebt, wie das Haus bebt, wie die Erde bebt. Es hört nicht auf, wird nur langsam schwächer. Minuten später glaube ich, ein kleines Nachbeben zu spüren.Vielleicht ist es auch nur Einbildung. Mein Puls rast, ich bin angespannt, ja, ich habe Furcht, große Furcht. Ehrfurcht.
Mein erstes stärkeres Erdbeben.
Es ist furchteinflößend und ich hoffe, das nicht noch einmal so erleben zu müssen oder gar noch stärker.
Ich weiß, Peru ist ein Erdbebengebiet und ich wusste, ich werde es früher oder später erleben. Aber darauf vorbereitet war ich trotzdem nicht.
Denn die Erde, der Boden, das ist doch etwas Stabiles, etwas Festes, etwas, auf das man sich verlassen kann. So sollte es sein, so muss es sein, es darf nicht anders sein. Und dass es eben doch anders ist, das muss noch in meinen Kopf. Aber eigentlich will ich das gar nicht.
Denn der Schrecken sitzt immer noch in meinen Gliedern.

Freitag, 7. Oktober 2011

Der ganz alltägliche Wahnsinn

Alltag. Was heißt das hier?
Ich wache meistens gegen halb acht, um acht auf, stehe dann auch ziemlich bald auf und gehe Brot kaufen, was immer eine ziemlich lustige Sache ist, weil man immer noch mit den Verkäufern oder den Männern von der Tankstelle ins Quatschen kommt und ich diese Herzlichkeit echt toll finde. Am liebsten kaufe ich Brot bei einer älteren Frau, die schon ein wenig schwerhörig ist, und mich immer mit einem strahlenden Lächeln und einem supersüßen "Señoriiiiiita" begrüßt.
Dann frühstücken wir in aller Ruhe, wenn ich Morgenschicht habe, gehe ich ungefähr um neun raus zu den Kindern. Morgenschicht bedeutet Kleinkinder, was ich ehrlich gesagt nicht so sehr mag, weil mir die Arbeit mit den Großen mehr Spaß macht. Wir spielen, malen, basteln, kneten, ich füttere das Baby, gehe mit den Allerkleinsten aufs Klo und schimpfe ziemlich viel rum, weil diese kleinen Biester auch wirklich nur Blödsinn im Kopf haben. Um eins gibts dann Mittagsessen, was noch mal eine Nummer stressiger ist, weil die lieben Kleinen ja auch bloß nicht essen wollen und wir dann immer ungefähr bis um zwei da sitzen, bis endlich Schluss ist.
Wir wechseln uns mit dieser Schicht täglich ab; einmal pro Woche will auch Niko einspringen, womit er sich bei uns natürlich sehr beliebt macht. :) An meinen freien Tagen versuche ich meist, ins Centro zu fahren, um mich mit einem Freund zu treffen oder einfach nur ein bisschen das Leben dort zu genießen.
Zwischen um zwei und um vier ist Pause, ab um vier gehts weiter, jeden Tag, auch wenn man Morgenschicht hat. Bei den Hausaufgaben helfen und das von den Kindern angebotene Geld dafür ablehnen, Streit schlichten, trösten, quatschen, spielen, beim Sport mitmachen oder die Aldea anfeuern, sich von den Kindern frisieren lassen, Geheimnisse erzählt bekommen und so weiter, das macht mir richtig viel Spaß. Wir arbeiten meist ungefähr bis zum Abendessen um sieben, dann gehen wir ins Haus. Manchmal klopfen die Kinder aber auch danach noch mal an der Tür, weil sie bei irgendetwas Hilfe brauchen.
Wir essen Abendbrot, was meist darauf hinausläuft, dass wir uns noch mal Brot kaufen oder ins nächste Chifa-Restaurant gehen, weil unsere Kochkünste sich leider nicht so gut wie unser Spanisch entwickeln. Wir schauen uns irgendeinen Film an, quatschen ewig oder fahren noch mal ins Centro.

Die Anpassung läuft super, insbesondere beim Thema Pünktlichkeit respektieren wir regelmäßig die hora peruana. Damit hab ich ja nun überhaupt keine Probleme. :D
Und die Sprache ... hach. :) Ich liebe Spanisch und ich liebe es, fließend sprechen zu können. Auch wenn wir untereinander noch zu viel Deutsch reden, schleichen sich oft spanische Wörter ein und ich träume inzwischen auch häufig auf Spanisch. Ich kann es mir nicht mehr vorstellen, nicht von der Sprache umgeben zu sein, deshalb wird mir immer klarer, dass ich definitiv Spanisch studieren muss. Und Politikwissenschaft genauso, denn das fehlt mir manchmal so richtig. Lange Diskussionen über Politik, das Verschlingen von irgendwelchen Büchern und Texten, lernen, lernen, lernen, aber nicht auf Schulart, sondern auf Wissenwollenart. Wenn ich mich mit Peruanern über Politik unterhalte, merke ich richtig, wie sehr ich darin aufgehe.
Ein schönes Schlusswort fällt mir jetzt auch nicht ein, deshalb lass ich das dann mal so stehen. :)

Sonntag, 2. Oktober 2011

Auf dem Esel durch Peru

Auch wenn ich das Lied von Farin Urlaub sehr mag und wir eh vorhatten, irgendwann mal mit dem Esel zu reiten – ich hätte mir nicht im Traum vorstellen können, wie schnell das Realität werden würde.
Wir waren dieses Wochenende für drei Tage im Colca-Canyon. Der Colca-Canyon ist der zweittiefste Canyon der Welt, dementsprechend extrem konnte man sich das auch vorstellen. Das ist auch das Wort, das diese drei Tage am besten beschreibt – extrem schwierig, extrem anstrengend, extrem chaotisch, extrem spaßig und extrem schön. Ich versuche, den Bericht möglichst kurz zu halten, sonst liest ihn sich ja keiner durch und die Leute, die es wirklich interessiert, können mich auch bei Skype/E-Mail nach einem ausführlichen fragen.
Nach einem sehr chaotischen Start konnte es dann drei Uhr morgens am Freitag losgehen. Einen kurzen Besuch beim Cruz del Condor und einen verzweifelten Versuch, die Kondore zu fotografieren („Da fliegt einer, halt mal drauf!“) begannen wir auch schon mit dem Abstieg. Wir waren insgesamt zu siebent, drei Spanier, die ein unmenschliches Tempo drauf hatten, unseren Guide, den wir am Ende total ins Herz geschlossen hatten, Niko, Ramona und ich. Am ersten Tag ging es bergab, bergab, bergab und dann kurze Zeit bergauf, 1200 Höhenmeter, 8 km.
Die Wege waren schlichtweg abenteuerlich. Mal bestanden sie nur noch aus Geröll, mal waren sie so steil, dass man eher klettern als laufen musste, und mal waren sie so eng, dass nur ein Mensch dort Platz hatte und man irgendwie entlang balancieren musste, während einen Schritt weiter der Canyon steil abfiel.
Es war ziemlich anstrengend. :)
Gleichzeitig war es jedoch auch ziemlich genial, atemberaubend und eindrucksvoll. Man läuft durch eine Art lebensfeindliche Halbwüste, die Sonne scheint auf einen herab, überall ist nur Staub und auf einmal befindet man sich in einem grünen Paradies, und die ganze Zeit sieht man diesen unvorstellbar großen Canyon. Diese Extreme und diese extremen Wechsel sind so typisch für das Peru, das ich bisher kennen gelernt habe, und ich liebe das.
Am Abend untersuchte ich dann meine schmerzenden Füße und entdeckte die Blase am großen Zeh, die mir noch zum Verhängnis werden sollte. In diesem Moment war sie mir jedoch relativ egal, Pflaster drauf, und weiter gehts.
Oase von oben. Der Anblick war wirklich Motivation zum Weiterlaufen!
Laut unserem Guide sollte der zweite Tag nicht so anstrengend werden. Ha, denkste! Bei einem kleinen Zwischenstopp bekamen wir eine Art Maisbier serviert, das erste Bier der Welt, das ich tatsächlich lecker fand! Irgendwann waren wir an der Oase angelangt, dann hieß es den ganzen Nachmittag nur noch Baden, Sonnen, Rumliegen, Ausruhen.
Dritter Tag in Cabanaconde, man beachte die Notlösung an den Füßen :)
Dabei entdeckte ich dann, dass eben jene Blase mittlerweile locker auf das Vierfache angeschwollen war. Ich habe noch nie zuvor eine so große Blase gesehen, das war einfach ekelhaft. Aus Angst, sie könnte am nächsten Tag beim gemeinen Aufstieg noch größere Probleme bereiten, entschieden wir uns dazu, sie aufzustechen. Böser, böser Fehler. Denn danach konnte ich gar nicht mehr mit meinem rechten Fuß auftreten, die kleinste Berührung hat geschmerzt, ich habe es nicht einmal mehr geschafft, meinen Schuh anzuziehen.
Was macht man also?
Die Antwort lautet Esel.
Während sich die anderen am dritten Tag also zu Fuß die 1200 Meter wieder hochgeschleppt haben, bin ich mit dem Esel hochgeritten. Und es war so cool! Ich konnte einen phänomenalen Blick auf den Canyon im Sonnenaufgang genießen, das war eine wirklich magische Atmosphäre. Allerdings hatte ich mehrere Male doch Angst um mein Leben, weil die lieben Tiere der Meinung waren, ausgerechnet bei den steilsten und engsten Wegen galoppieren, sich überholen oder sich aufbäumen zu müssen. Mit äußerst zittrigen Knien, aber mehr oder weniger heil bin ich dann also nach wie vor humpelnd in Cabanaconde angekommen. Nach einem Frühstück ging es weiter nach Chivay und in die Thermalbäder. Die waren wunderbar und halfen so sehr gegen den extremen Muskelkater und die schmerzenden Füße, ich hätte den ganzen Tag dort verbringen können. Durfte ich nur leider nicht, weil es dann nach Hause ging. ;)
So weit, so gut, weder diese Worte noch die über zweihundert Fotos, die ich gemacht habe, können wirklich beschreiben, wie unwahrscheinlich, unglaublich, beeindruckend und wunderbar unsere kleine Reise war.

Deshalb also gleich weiter zum nächsten Thema, nach Hause kommen. Das bin ich heute wieder, in meinem Arequipa, meinem Alto Cayma, meiner Aldea. Ich genieße jeden Tag hier, muss ich auch, weil die Zeit verrinnt und die nächsten zwei Wochen schon wieder völlig ausgeplant sind. Und wenn ich mir nur vorstelle, was noch alles vor uns liegt, was wir in diesem Jahr noch alles sehen und erleben werden, wird mir richtig schwindelig. Ein Jahr ist so wenig Zeit.
Ich habe seit heute ein Rückflugdatum. Was ich für eine Lüge halte. Zurück wohin? Zurück? Das gibt es nicht. Ich hatte viele sehr naive Vorstellungen, aber die wohl naivste war, dass es ein Zurück geben kann. Lüge, Lüge, Lüge.
Das alles hier soll jedenfalls am 14. August zu Ende sein. Da soll ich dann um 10:15 in Lima losfliegen und um 10:55 am selben Tag in Frankfurt am Main ankommen. Was ich gerade auch mit Zeitunterschied nicht verstehe, weil ich laut Flugplan doch wieder 18 Stunden unterwegs sein werde. Aber das muss ich jetzt auch nicht verstehen, weil ich dringend etwas Schlaf nachholen und die Eindrücke des Colca-Canyons ein wenig verarbeiten muss. Danach setze ich mich noch einmal daran und danach werde ich es verdrängen und die Zeit hier in Peru genießen – dieses Land lässt auch gar nichts anderes zu. Perú, te quiero!
Blick in den Canyon.
 
Diese dünnen weißen Linien sind die Wege.


 
In der Oase :)





So unvorstellbar groß.