Mittwoch, 3. Oktober 2012

Vermissen, Baby

Abajo en castellano.

So langsam wird es doch Herbst in Deutschland. Bald bin ich wieder zwei Monate hier. Und ich habe mich immer noch nicht richtig eingelebt. Mein Laptop zeigt mir immer noch die peruanische Zeit an. Ich habe es immer noch nicht umgestellt. Ich kann es nicht.
Ich bin in Peru in das Flugzeug gestiegen und es war okay. Der Flug war okay. Dann habe ich aus dem Flugzeug heraus zum ersten Mal wieder Deutschland gesehen und die Panik kam hoch. Dreht um, ich will hier nicht landen, ich kenne dieses Land nicht mehr, es ist mir fremd geworden. Ich möchte hier nicht sein, ich will zurück nach Peru, ich will nicht, ich kann nicht, es ist noch zu früh.
Die ersten Wochen waren schön. Es war traumhaft, meine Familie und meine Freunde und meinen Hund wiederzusehen. So viele Wiedersehen. Es war toll, wieder leckere Brötchen zum Frühstück zu essen, immer warmes Wasser zu haben, immer Strom und Internet, wieder Zug zu fahren, wieder mit dem Fahrrad zu fahren. Und alles ist so grün und ordentlich und still und es riecht immer nach Blumen. Die kleinen Dörfer sind malerisch, die Häuser wirken wie aus dem Märchen, und ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich fühle mich wie eine Touristin in einem Land, das ich kennen sollte.
Dann kehrte ein wenig Ruhe ein. Und dann kamen der Schock und das Vermissen.
Man lebt zwischen zwei Kulturen.
Vieles ist gleich geblieben. Vieles hat sich verändert. Am meisten wohl meine Einstellung.
Schaut doch nicht so traurig, lächelt doch mal!, möchte ich den Menschen auf der Straße und in den Zügen und in den Läden so gerne zurufen. Sie sind alle so groß und so blond und so schick gekleidet. Sie schauen dich nicht an, sie reden nicht mit dir. Wenn ich tanzen gehe, werde ich traurig. Die Menschen tanzen nicht miteinander, sie tanzen jeder für sich.
Ich möchte wieder Inca Kola trinken und auf der Plaza de Armas sitzen, der Himmel ist blau, die Sonne ist heiß, mit Blick auf den Misti und den Chachani. Und auf den Picchu Picchu, für den ich mich nie so begeistern konnte. Aber es waren meine geliebten Berge, mein geliebtes Arequipa, mein geliebtes Peru.
Ich möchte die Leute wieder mit einem Kuss auf die Wange begrüßen anstatt mit einem steifen Händeschütteln, ich möchte wieder mit mir unbekannten Menschen die ganze Nacht tanzen und Luftballons durch den Club jagen.
Ich möchte wieder an der Puente Grau stehen und auf den Combi warten, Cayma Enace, Avenida Ejercito, Cruze, Cayma, Cayma, Cayma, Enace! Ich möchte wieder einsteigen und nach Hause fahren. Baja Grifo, baja! Die alte Frau begrüßen, bei der ich immer das Brot gekauft habe. Meine Kinder umarmen. Und überhaupt, meine Kinder! Wie geht es ihnen, was machen sie gerade, benehmen sie sich? Ich vermisse sie so sehr.
Ich vermisse Peru mehr als ich gedacht hätte. Das Land. Das Leben. Die Menschen. Und einige von ihnen viel zu sehr.
Ich komme nächstes Jahr zurück. Das steht fest.
Vielleicht habe ich es bis dahin geschafft, loszulassen, neue Luft zu holen.
Berlin scheint mir ein guter Anfang zu sein.

Ahora ya empieza otoño en Alemania. Pronto estaré aquí ya por dos meses. Y todavía no me acostumbré a la vida acá. Mi laptop todavía me enseña la hora en Perú. Todavía no lo he cambiado. No puedo.
Estuve subiendo al avión en Perú y todo estaba bien. El vuelo estaba bien. Luego he visto Alemania por la primera vez desde el avión y empezó el miedo. Regresen, no quiero llegar aquí, ya no conozco este país, se volvió en algo extraño. No quiero estar aquí, quiero volver, no quiero, no puedo, todavía no es el tiempo.
Las primeras semanas fueron bonitas. Fue maravilloso encontrarme con mi familia y mis amigos y mi perrito. Tantos reencuentros. Fue chevere comer rico pan en el desayuno, tener agua caliento todo el tiempo, tener luz e internet, manejar con el tren de nuevo, manejar mi bicicleta de nuevo. Y todo es tan verde y limpio y silencioso y siempre huele como flores. Los pueblitos parecen un dibujo, las casas parecen de un cuento, y no puedo terminar el asombro. Me sentí como turista en un país que debería conocer.
Luego todo se volvió mas tranquilo. Y luego vinieron los sentimientos tristes.
Se vive entre dos culturas.
Mucho se ha quedado lo mismo. Mucho se ha cambiado. Lo que más se cambió es mi opinión.
No miren tan triste, sonríen!, quiero gritar a la gente en la calle y en los trenes y en las tiendas. Todas las personas son tan altas y rubias y vestidas tan modernas. No te miran ni hablan contigo. Cuando salgo a bailar, me pongo triste. La gente no está bailando junta, cada uno está bailando solito.
Quiero tomar Inca Kola y estar sentado en la Plaza de Armas, el cielo está celeste, hace calor, con la vista al Misti y el Chachani. Y el Picchu Picchu aunque nunca me gustó tanto. Pero fueron mis queridas montañas, mi querida Arequipa, mi querido Perú.
Quiero saludar las personas con un beso y no con darse la mano, quiero bailar con personas que no conozco toda una noche y jugar con globos en el Deja Vu.
Quiero estar en el Puente Grau y esperar por la combi, Cayma Enace, Avenida Ejercito, Cruze, Cayma, Cayma, Cayma, Enace! Quiero subir y ir a mi casa. Baja Grifo, baja! Quiero saludar la anciana que siempre me vendió el pan. Abrazar a mis niños. Y sobre todo, mis niños! Como están, como les va, que están haciendo ahora, se portan bien? Les extraño tanto.
Jamás pensé que extrañare tanto a Perú. El país. La vida. Las personas. Y algunas de ellas demasiado ...
Volveré el año que viene. Esto sé.
De repente podía soltar hasta ese momento, respirar de nuevo.
Berlín me parece una buena opción para empezar.

Sonntag, 12. August 2012

Abschied

Der Rucksack wird immer voller, das Zimmer immer leerer und in mir tobt das Chaos.
Ich dachte, ich werde den Abschied gut hinkriegen, aber seit Freitag ist alles anders.
Am Freitagnachmittag ist der Padre, mein Chef und der Gründer und Leiter der Aldea, vor den Augen der Kindern an einem Herzinfarkt gestorben. Wir haben alles versucht, unseren Flug noch eine Woche zu verschieben, um die Kinder jetzt nicht auch noch zu verlassen, jetzt wo die Aldea erst recht so viel Unterstützung braucht, aber es gibt keine Möglichkeit. Wir müssen morgen fliegen.
Und es fühlt sich sehr so an, als würden wir sie im Stich lassen.
Ich stecke irgendwo zwischen Trauerfeier und Beerdigung, Kindertrösten und Rucksack packen, Zimmer leerräumen und Freunde verabschieden, dem ganz normalen Abschiedsschmerz und dem Schmerz über die Ereignisse der letzten Tage.
Mittlerweile sind es nur noch Stunden hier in meinem Arequipa bei meinen Kindern, die jetzt mehr als sonst jemanden brauchen, und das Einzige, was mich vom Durchdrehen abhält, ist zu wissen, dass ich mir das gerade nicht leisten kann.
Das Leben ist gerade ein einziger Hurensohn und so unfair, dass ich am liebsten laut schreien würde.
R.I.P. Padre Frank Cortis.

Montag, 16. Juli 2012

Auf Reisen 3

 Nach der letzten Reise ist wieder einmal das obligatorische Reisenangeberposting fällig, bei einer Tastatur, bei der jeder dritte Buchstabe und das Komma klemmt, macht das aber auch keinen Spaß mehr.
Was soll ich sagen?
Es war eine Reise, die uns innerhalb von 14 Tagen einmal quer durchs Land geführt hat, von Norden nach Süden, von Osten nach Westen, über 5000 km, drei Klimazonen, einmal über die gesamte Cordillera. Gletscher, die wohl faszinierendsten und eigenartigsten Pflanzen der Welt namens Puya Raimondii, Surfen (oder zumindest der Versuch), die Gocta-Wasserfälle, die mit 771 Metern die dritthöchsten weltweit und eiskalt sind, Fair Trade Plantagen, Städte aus Mototaxis, unzählige leckere, exotische Früchte, Schlangen, Delfine, Papageien und Affen, ein irgendwie-schon-aber-irgendwie-auch-nicht-Busüberfall mitten im Regenwald, sintflutartige Regenfälle und irgendwo im Regenwald ein kleines Paradies.
Und das Gefühl, innerlich so langsam loszulassen und Abschied zu nehmen, von meinem Peru, in dem mir nur noch 28 Tage bleiben.
Und was es sonst noch zu sagen gibt, kann diese 28 Tage auch noch warten.
























Freitag, 15. Juni 2012

Que se vaya

Es gibt Tage, da sehne ich mich sehr nach deutschem Luxus. Wie beispielsweise immer verfügbares Wasser, das auch 24 Stunden am Tag warm ist, keine ständigen Stromausfälle, richtige Fenster, eine Heizung, dichte Häuser, in die es nicht reinregnet oder Busse, in denen ich, auch wenn ich vielleicht keinen Sitzplatz finde und stehen muss, nicht in Gefahr laufe, zu ersticken, zerquetscht zu werden oder aus dem Bus zu fallen, weil ich eigentlich mehr in der Tür hänge, die sich natürlich nicht schließen lässt, als mich im Bus zu befinden. An diesen Tagen freue ich mich riesig darauf, nach Deutschland zurückzukommen. Dann schießen mir jedoch immer wieder verschiedene Szenen durch den Kopf ...

Ich sitze mit zwei der großen Mädchen abends nach dem Abendessen in meinem Wohnzimmer. Sie wollten sich einige Fotos auf meinem Netbook anschauen, als gerade das Licht ausgeht. Stromausfall. Vielleicht ist es ja nur für kurze Zeit, meistens dauert es nicht länger als eine Stunde.
Wir sitzen im Dunkeln und unterhalten uns lange, die Mädchen erzählen mir von ihren Wünschen und Träumen, von ihren Sehnsüchten und ihren Geheimnissen. Das Licht bleibt aus. Irgendwann ist es schon um zehn und sie gehen ins Bett. Noch immer haben wir keinen Strom. Ich steige nach oben aufs Dach, um zu sehen, ob es nur die Aldea betrifft. Vom Dach habe ich einen großartigen Ausblick auf die gesamte Stadt, heute sieht man aber nicht viel. Das gesamte Viertel liegt im Dunkeln, es scheint, als ob es erst wieder ab einer wichtigen Hauptstraße Strom geben würde. Die Straße hoch muss ich gar nicht schauen, wenn es weiter unten keinen Strom gibt, dann gibt es den weiter oben erst recht nicht. Je weiter man nach oben fährt, desto ärmer wird die Gegend und in den Hütten am Stadtrand selbst gibt es nicht einmal fließendes Wasser.
Ich gehe in mein Zimmer und bewege mich tastend voran, verfluche wieder meine Unordnung, als ich mit dem Fuß gegen den Wäschekorb stoße. Ich suche meine Taschenlampe, um wenigstens ein bisschen Licht zu haben, und gehe schließlich schlafen, der Stromausfall sollte ohnehin bis zum nächsten Tag andauern.
Am Morgen hat aus diesem Grund auch keine einzige Tienda Brot.

Wir holen die Kinder von der Schule ab und ich setze mich neben das Auto in die Sonne, während wir darauf warten, dass die Kinder so allmählich eintrudeln. Ich beobachte die Gegend und versuche sie noch einmal so zu sehen wie ich sie am Anfang gesehen habe. Die Straßen sind zum Teil nicht asphaltiert, man läuft im Staub und Dreck. Überall liegt Müll rum, die Wände sind mit Graffitis beschmiert, die sich auf die Wahl vergangenen Jahres beziehen und sich Humala zum Präsidenten wünschen. Oder auch einfach nur Beleidigungen sind. Die Straßenhunde bellen vorbeifahrenden Autos hinterher. Ein Krankenwagen fährt vorbei, der sich bei näherem Hinsehen als ein alter Combi entpuppt und sich von den normalen Combis nur durch die Aufschrift "Ambulancia" unterscheidet. Diese normalen Combis sind nur noch ein wenig älter und kaputter und wenn da die Tür kaputt ist, wird sie halt mit Klebeband zusammen gehalten.
 Am Straßenrand stehen alle paar Meter Männer und Frauen, die irgendwelche Sachen verkaufen, um sich irgendwie halbwegs über Wasser halten zu können. Eis, Süßigkeiten, Getränke, Lebensmittel, Knöpfe, Taschen, es gibt nichts, was es nicht gibt. Die Häuser überall sind erschreckend alt und kaputt und zerfallen, die Dächer schützen vor fast nichts. Ich habe irgendwann aufgehört, mich zu fragen, wie Menschen so leben können.
Es fällt mir schwer, diese täglichen Szenen so zu sehen wie ich sie beim ersten Mal gesehen habe. Es ist einfach Normalität geworden.


Ich stehe auf der Plaza de Armas. Auch hier gibt es gerade keinen Strom, das Beunruhigendere sind jedoch die unzähligen Polizisten, die eine Breitseite des Platzes fast vollständig annehmen. Sie stehen einfach da, die eine Hälfte mit Schäferhunden, die andere Hälfte schwer bewaffnet.
Der Grund dafür wird mir auch sehr bald klar: Während einer Demonstration umkreisen viele Protestierende den Plaza de Armas. Sie schwenken Plakate mit der Aufschrift "SUTEP". Ich spreche eine Demonstrantin an, eine ältere Frau, da mir der Begriff Sutep nichts sagt. Sie erklärt mir, dass es sich bei Sutep um die Gewerkschaft der Lehrer handelt und die Proteste sich auf neulich beschlossene Kürzungen in der Bildung beziehen. Ich wusste gar nicht, dass man in diesem Bildungssystem noch mehr kürzen kann.
Was sich mir jedoch ins Gedächtnis einbrennt, sind die Polizisten, die alle paar Meter an den Seiten der Demonstranten stehen und mitlaufen. Sie halten bereits Gewehre in der Hand und in Richtung der Demonstranten gerichtet, weitere Waffen tragen sie deutlich erkennbar am Körper. Und es besteht kein Zweifel daran, dass sie bei jedem kleinsten Zwischenfall sofort dazu bereit wären, in die Menge zu schießen.
Verschiedene Ereignisse seit vergangenem August schwirren mir im Kopf herum. Cajamarca, Proteste gegen den Bau einer Silbermine mit verheerenden Folgen für Menschen und Umwelt. Tote. Viele, teils Schwerverletzte, Festnahmen. Ausnahmezustand für die betreffende Region durch die Regierung verhängt. Rücktritt einiger wichtiger Regierungsmitglieder. Die peruanische Linke wendet sich immer mehr von Humala ab. Cuzco, Proteste gegen eine Kupfermine, dieselben Gründe, dieselben Folgen. Zwei Tote, viele Verletzte, Festnahme von Menschenrechtlern, die Regierung verhängt den Ausnahmezustand. Letzteres ist noch nicht einmal drei Wochen her. In der heißen Sonne stehend und auf die bereits gezückten Waffen der Polizisten schauend, ist mir das auf einmal alles viel klarer.
Der Wortlaut der Sprechchöre hat sich geändert. Die Menschen reden jetzt von Humala. Dem tollen Humala, der vor der Wahl zum Präsidenten letztes Jahr so viel versprochen und nichts davon gehalten hat. Sie stimmen ein Lied an. "Que se vaya, que se vaya!" (dass er gehen möge, dass er gehen möge)

Und wenn ich mich bei dem Gedanken erwische, dass mir deutsche Ohrenstäbchen fehlen, frage ich mich wirklich, ob das so wichtig ist. Ob all diese Sachen, die mir manchmal fehlen, wirklich so wichtig sind. Und in diesen Momenten wächst die Angst vor der Rückkehr nach Deutschland, die mit nur acht Wochen immer mehr in greifbare Nähe rückt. Denn irgendwie ist mir die, auch vorher nie sehr große, Lust auf diese Luxus- und Konsumgesellschaft mittlerweile vollständig vergangen.



Sonntag, 10. Juni 2012

Das Leben, das Universum und der ganze Rest

Für alle, die es nicht nur interessiert, mit wem, sondern auch, was ich in den letzten Wochen so treibe, hier einmal der heute mit obligatorischer einmonatiger Verspätung geschriebene dritte Quartalsbericht. Alles macht mehr Spaß als Quartalsberichte und Abrechnungen, ich glaube, das merkt man dem Text auch deutlich an, aber aus Faulheit schreibe ich keinen eigenen Blogeintrag neu. ;) (dafür gibts aber auch ein paar Kinderfotos.)


Schon wieder sind drei Monate vergangen und auf einmal kann man bereits die Wochen zählen, bis man zurück nach Deutschland fliegt.
Mitte März bekamen wir zunächst durch das Zwischenseminar einen Raum, um uns über die gemachten Erfahrungen auszutauschen, zu reflektieren, über Unsicherheiten, Ängste und Zweifel zu sprechen und über die zweite Halbzeit nachzudenken. Dieser Kontakt mit anderen Freiwilligen tat auch sehr gut und mit neuer Motivation bin ich nach Arequipa zurückgekommen.
Zunächst einmal wollte ich ein Psychologieprojekt realisieren, da das Verhältnis zwischen den Mädchen und den Jungs in meinem Kinderheim ein sehr schwieriges ist und der Machismo meines Erachtens ohnehin zu den größten gesellschaftlichen Problemen Perus zählt; je eher man versucht, diesem etwas entgegen zu setzen, desto besser. Ich setzte mich mit der Psychologin zusammen und gemeinsam erstellten wir einen Plan für eine Gruppentherapie. In der Theorie noch sehr einfach, stellte sich das in der Praxis als schwieriger heraus: Zunächst musste mein Chef überzeugt werden, dann musste ein Raum und ein Tag gefunden werden, an dem sich das umsetzen ließ, und als wir das endlich geschafft hatten, wurden alle Pläne von der Seite unseres Chefs wieder verworfen. Nach ungefähr einem Monat voller Vorbereitungen konnten wir dann endlich starten. Die erste Therapiestunde war für alle Jugendlichen geplant, die darauffolgenden sollten in drei kleineren Gruppen mit jeweils ungefähr sechs Mädchen und Jungen stattfinden. Bereits bei der ersten Therapiestunde mit allen wurde mir mithilfe eines einfachen Kooperationsspieles drastisch vor Augen geführt, wie tiefgreifend die Probleme wirklich sind. Nicht nur, dass zwischen den Mädchen und den Jungs eine sehr große Kluft besteht, auch untereinander können sie nicht im Team arbeiten und auf eine angemessene Art und Weise miteinander kommunizieren.
Jeden Montag aufs Neue bestand dann die erste anstrengende Aufgabe darin, die Gruppen überhaupt zusammenzutrommeln und jegliche Ausreden nicht gelten zu lassen. War das endlich geschafft, konnten wir anfangen, was jedoch mindestens genauso schwierig war. Wir spielten einfache Kooperationsspiele und redeten über einige für die Jugendlichen sehr relevante Themen wie die Kommunikation untereinander, Gewalt oder Mobbing und versuchten, ihnen andere Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Nach wenigen Wochen kündigte die Psychologin jedoch, da sie einen anderen Job gefunden hatte, sodass auch unser Projekt beendet wurde. Von der Notwendigkeit dieses bin ich allerdings nach wie vor überzeugt, glaube aber nicht, dass ich noch einmal die Möglichkeit finden werde, es umzusetzen.
Dafür setzten meine Mitfreiwillige und ich uns dafür ein, ein anderes Projekt zu realisieren, das uns am Herzen lag: Englischunterricht. Auch dafür mussten wir viel Zeit und Energie in die Vorbereitung investieren, schließlich hatten wir jedoch einen Stundenplan zusammengestellt. Die Teilnahme am Englischunterricht war freiwillig, weil wir der Ansicht waren, dass es nicht sehr viel Sinn hätte, die Kinder dazu zu zwingen. Dafür meldeten sich erstaunlich viele, derzeit unterrichten wir ungefähr 15 Kinder von 8 bis 17, aufgeteilt nach ihrem Alter in drei Gruppen. Meine Mitfreiwillige und ich wechseln uns wöchentlich ab, sprechen uns jedoch immer genau über den Unterricht ab. Jede Gruppe hat einmal pro Woche Englisch, was viel zu wenig ist, öfter können wir es jedoch nicht umsetzen. Der Stoff ist, ungeachtet der Altersgruppen, derselbe, da auch die Älteren trotz jahrelangem Englischunterricht nicht mehr als nur die Grundlagen sowie ihr Wörterbuch beherrschen. Ich habe den Eindruck, dass in ihren Schulen die Methode des Auswendiglernens die wichtigste ist; so können beispielsweise alle Kinder die Zahlen von eins bis zwanzig aufsagen. Frage ich sie allerdings nach einer einzelnen Zahl wie beispielsweise die fünfzehn, wissen sie diese nicht und müssen erst von eins bis fünfzehn zählen, um sie mir schließlich auf Englisch sagen zu können.
Ich versuche, meinen Unterricht so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten und viele unterschiedliche Lehrmethoden einzusetzen: Wir singen, tanzen, spielen, malen, rätseln oder spielen Theater. Es bleibt jedoch ein sehr improvisierter Unterricht; das „Klassenzimmer“ befindet sich in unserem Wohnzimmer, da kein anderer Raum zur Verfügung steht, Tische gibt es nicht und die Kinder sollen sich nach Anordnung meines Chefs auf kleine Kissen auf dem Boden setzen, ich lasse sie sich allerdings auf die Sofas setzen. Als Material haben wir lediglich Papier und Stifte zur Verfügung, als Tafel funktionieren ebenfalls Blätter oder wahlweise auch mein Netbook, um das sich die Kinder dann alle scharren müssen.
Ich habe nicht den Eindruck, große Fortschritte zu erzielen, dazu ist einmal pro Woche zu wenig und die Möglichkeiten, die wir haben, zu improvisiert. Bei dem einen oder anderen Kind bleibt trotzdem etwas hängen und ein wenig bekommt man auch zurück, wenn die Kinder mich beispielsweise auf Englisch begrüßen, nach weiteren Vokabeln fragen oder mich fragen, wann wir das nächste Mal Englisch machen, sie würden es vermissen. Oder wenn die Ausreden, warum sie heute leider kein Englisch machen können, seltener werden. ;)
Mich stört jedoch die kaum vorhandene Rücksichtnahme unseres Chefs auf den Englischunterricht. Spontan heißt es dann beispielsweise am Nachmittag, dass heute der Zahnarzt kommt und wir unseren Englischunterricht nicht halten können, weil die Kinder beim Zahnarzt sind. Und natürlich scheint es unmöglich sein, das uns vorher mitzuteilen, damit wir uns darauf einstellen können und nicht unnötig etwas vorbereiten müssen.
Desweiteren haben die großen Mädchen ihre Pflichten und jeden Nachmittag ist eine andere damit beschäftigt, auf das Baby aufzupassen oder den Türdienst zu machen. Sowohl unserem Chef als auch der Tutora der Mädchen liegt der Stundenplan vor, sie wissen also, welche Mädchen wann Englisch haben. Dennoch sind oftmals genau diese Mädchen am Nachmittag mit dem Baby dran, weshalb ich erst einmal eine Viertelstunde damit beschäftigt bin, durch die Aldea zu rennen und einen Ersatz für das betreffende Mädchen aufzutreiben. Trotz mehrmaliger Bitte, darauf doch Rücksicht zu nehmen, passiert nichts und das finde ich sehr schade.
Dass ich als Freiwillige in einer anderen Position bin als die Angestellten, ist mir bewusst und ich kann es auch akzeptieren, dass ich oftmals der Depp vom Dienst bin, aber generell würde ich mir einfach mehr Respekt durch mein Projekt wünschen.
Ansonsten geht es mir hier in jeglicher Hinsicht sehr gut. Ich kann die Sprache, ich kenne die Kinder, ihre Geschichten und ihre Macken und kann mich ganz gut auf sie einstellen. So leicht schockiert mich nichts mehr, was mir nur von Vorteil ist. Im Moment nehmen die Bewerbungen fürs Studium und die Gedanken an das Danach in Deutschland einen großen Stellenwert für mich ein, dennoch will ich noch das Beste aus meinen letzten Wochen in Peru machen, denn diese werden ohnehin viel zu schnell vorbei sein. 






Donnerstag, 7. Juni 2012

Alle schlechten Dinge sind drei

Erdbeben Nummer 1.
Irgendwann Anfang Mai.
Um vier Uhr morgens wache ich davon auf, dass die Erde bebt. Es war ein heftiges Beben, aber ein sehr kurzes und so konnte ich zum Glück schnell wieder einschlafen. Wie immer nach einem Beben interessiert mich auch dieses Mal die Stärke und ich schaue im Internet nach - 3,9 auf der Richterskala, das Epizentrum befand sich direkt in Arequipa. Wenn sich so eine 3,9 anfühlt, deren Epizentrum direkt hier ist, wie schlimm ist erst ein stärkeres Beben?

Erdbeben Nummer 2.
Irgendwann Mitte Mai.
Erneut wache ich von einem Erdbeben auf. Dieses Mal ist es jedoch anders, dieses Mal ist es stärker und auch die Bewegungen sind anders, tiefergreifend. Es ist auch viel lauter und wird begleitet von klirrenden Fensterscheiben, einem hörbar wackelndem Haus und einem tiefen Rumpeln, das direkt aus der Erde zu kommen scheint. Und es hört und hört nicht auf. Was mache ich? Vielleicht sollte ich aufstehen und nach draußen ins Sichere gehen, aber ich liege wie gelähmt im Bett und kann nur darauf hoffen, dass es doch bitte bald vorbei geht. Das tut es dann auch. Ein Blick auf das Handy - 5.05. Dieses Mal kann ich nicht so gut einschlafen. Am nächsten Tag sind sie alle aufgeregt, weil man dieses Beben unmöglich überschlafen konnte. Hatte es doch eine Stärke von 6,2 auf der Richterskala. Auch wenn das Epizentrum sich ca. 300 km weiter südlich in der Nähe der chilenischen Grenze befand, hier in Arequipa konnte man es doch mehr als nur deutlich spüren.

Erdbeben Nummer 3.
Heute.
Wir sind gerade am Vormittag im Zentrum, um verschiedene Sachen zu erledigen, und stehen in einer Apotheke. Ich unterhalte mich gerade mit der Verkäuferin, als sich die Erde plötzlich bewegt. Sie schaut mich erschrocken an und fragt: "Temblor?" (Erdbeben?). Ich schaue auf die Flaschen, die auf dem Tisch stehen, die sich bewegen, und stimme ihr dann zu. Einige Sekunden warten wir noch, vielleicht geht es wieder vorbei, dann flüchten wir nach draußen. Diese sind innerhalb weniger Sekunden voller Menschen, die alle aus den Häusern und den Geschäften nach draußen fliehen, um in Sicherheit zu sein. Gelegentlich ruft jemand "Sigue!" (es geht weiter), als ob man das nicht mitbekommen würde. Schließlich ist es jedoch vorbei und das Leben geht nahtlos dort weiter, wo es vorher aufgehört hat. Aber einen Schrecken haben sie alle bekommen. Die Gespräche drehen sich um das Erdbeben, ein Freund schickt mir eine SMS, ob alles in Ordnung ist, und im Radio reden sie nur noch über Erdbeben, weshalb ich noch auf der Rückfahrt in die Aldea erfahre, dass es ein Beben der Stärke 6,1 war und sich das Epizentrum ungefähr 100 km weiter nördlich befand. Und es ist meines Wissens auch nichts wirklich Schlimmes passiert, aber es bleibt eben doch im Kopf.

Ich hasse Erdbeben einfach.

Sonntag, 6. Mai 2012

Auf Reisen 2

Kaum angekommen zu Hause und bei den Kindern wurde ich schon wieder herausgezerrt, denn vier Tage später fuhren wir schon wieder los, dieses Mal blieben wir allerdings in Peru. Irgendwie hatte ich es geschafft, einen superluxuriösen Bus zu buchen, als dann aber Cañonazos verteilt wurden (meine Lieblingsschokoriegel), schwebte ich im 7. Himmel. So kann es weitergehen!

Tag 1
Cuzco.
Am Morgen kamen wir in Cuzco an und fanden recht schnell ein billiges und gutes Hostal. Nach einem Frühstück mit leckerem, ofenfrischen Brot machten wir uns auf in die Stadt, um alles für Machu Picchu zu organisieren. Zunächst mussten wir zum Kulturministerium, um die Eintrittskarte zu kaufen, und dort festzustellen, dass es für unseren geplanten Tag gar nicht mehr möglich ist. Also wurde alles um einen Tag nach hinten verschoben. Dann wollten wir die Zugtickets buchen und da uns gesagt wurde, wir könnten - genauso wie auch beim Eintritt - mit unserer Tarjeta Verde, die uns als Bewohner Perus ausweist, viel billiger fahren, war es eine dementsprechend große und unschöne Überraschung, als es hieß, nee, das geht doch nicht, das würde die Zuggesellschaft nicht akzeptieren (keine peruanische, dazu gleich noch mehr). Und wollte ich wirklich 70 Dollar (!!) für die verdammte Zugfahrt ausgeben?
Meine Laune wurde immer schlechter und ich hatte schon gar keine Lust mehr auf Machu Picchu und hätte es am liebsten gelassen. So teuer, so extrem touristisch, so organisiert und irgendwie so untypisch Peru, möchte ich das wirklich? Nach langem Hin und Her entschieden wir uns doch dafür, in den sauren Apfel zu beißen. Meine Laune sank anschließend auf den absoluten Tiefpunkt, als ich feststellen musste, dass sich die Sohlen meiner heißgeliebten bemalten Lieblingschucks abgelöst hatten und ich jetzt wirklich nicht mehr darum herum kommen konnte, mir neue zu kaufen und meine treuen Begleiter ausgedient hatten. Scheiß Schuhe, scheiß Machu Picchu, scheiß Cuzco, der arme Steffen musste sich an diesem Tag so einiges anhören. ;)
Insgesamt hat mich Machu Picchu um die 100 Euro gekostet und ist damit wirklich völlig überteuert, selbst für deutsche Preise. Nun könnte man den Preis ja noch so hinnehmen und sich sagen, dass das Geld, das ich als Europäerin nun einmal letzten Endes doch habe, wenigstens dem Land zugute kommt, aber nichts da. So handelt es sich bei PeruRail, die Bahnlinie, um ein englisch-chilenisches Unternehmen und genau da landet das Geld dann auch. Und das kotzt mich einfach nur an, ist es doch ein perfektes Beispiel für eines der meiner Meinung nach größten Probleme Perus. Alles, was wirklich Geld bringt, sei es nun Machu Picchu oder auch die Minen, befindet sich im Besitz ausländischer Unternehmen, die das Geld wiederum einsacken. Dazu nehme man noch Korruption gewaltigen Ausmaßes und eine stetig weiter auseinanderwachsende Einkommensverteilung. Peru hatte in den vergangenen Jahren ein überdurchschnittlich hohes Wirtschaftswachstum; dass davon aber irgendetwas wirklich bei der Bevölkerung ankommt, sehe ich nicht. Über die Hälfte lebt nach wie vor in, teils extremer, Armut. Und dann frage man sich bitte noch einmal, wo all diese Probleme herkommen, die Drogen (Peru ist der weltweit größte Kokainproduzent), der weit verbreitete Alkoholismus, die Kriminalität, die Straßengangs oder der Menschenhandel.

Tag 2
In der Hoffnung, es könne nur noch besser werden, fuhren wir ins Valle Sagrado, das heilige Tal der Inka. Hoffnung bestätigt. ;) Wir hatten eine Tour für 20 Soles gebucht, was eine wirklich gute Entscheidung war, zumal auch unser Guide ganz lustig drauf war. Auch wenn er mich immer mit Arequipa geärgert hat, aber die Rivalität zwischen Arequipa und dem restlichen Peru ist sowieso immer wieder herrlich und es ist noch viel herrlicher, wie sie dann auf einmal die besten Freunde sind, wenns um ihr verhasstes Chile geht. :)
Zunächst fuhren wir nach Pisac, um die dortige Ruine zu besichtigen. Interessant fand ich vor allem die kleinen Löcher in den Felswänden vor uns, in denen die Inka früher ihre Toten "begraben" haben. Von Pisac aus hat man auch einen wunderschönen Blick auf das gesamte Tal, weshalb sich der Besuch schon allein deswegen lohnt. Nach einem Mittagessen in Urubamba fuhren wir schließlich nach Ollantaytambo, die letzte Station, wo wir auch übernachteten. Zuerst stiegen wir wieder auf die Ruinen. Und da überkam mich dann zum ersten Mal während der Reise das Gefühl, mich an einem wirklich bedeutsamen Ort der Inka zu befinden. Allein die Symbolik, die in diesem Ort steckt, ist umwerfend, genauso wie der Kalender der Inka, der so stark von der Sonne abhing und sehr genaue Kenntnisse eben dieser nahe legte.
Diesem erste-Mal-Erlebnis schloss sich gleich ein weiteres an: Nirgends zuvor ist mir die Brutalität der Kolonialisierung durch die Spanier bewusster geworden. Dieser für die Inka so bedeutende und heilige Ort wurde von den Spaniern zur "steinfreien Zone" erklärt, was im Klartext bedeutete, dass sich die Spanier hier die Steine für ihre Häuser holen konnten und den Ort dadurch nach und nach zerstörten.

Erster Blick ins Valle Sagrado.

Ruinen von Pisac

Inka-Friedhof.

Blick von den Ruinen ins Tal.

Erkennt ihr in den Felsen das Gesicht eines Inka? Ist aber eine natürliche Formation.


Nationalblume Perus.
In Ollantaytambo.


Tag 3
und immer noch  nicht sind wir auf dem Machu Picchu. ;)
Wir schliefen aus, frühstückten in aller Ruhe und nahmen schließlich unseren  Zug nach Aguas Calientes, dem kleinen Dörfchen am Fuße des Machu Picchu. Mit jedem Meter, den wir uns Aguas Calientes näherten, wurde meine Vorfreude schlussendlich doch größer. Endlich würde ich Machu Picchu sehen, eines der sieben neuen Weltwunder, das Einzige, was viele Leute von Peru sehen und noch viel mehr Leute kennen, das nahezu einzige Bild, das man bei Google-Bilder Peru findet, wie ich sehr zu meinem Leidwesen vor diesem Jahr feststellen musste. Irgendwie ist es doch ein Muss, so teuer, touristisch und unperuanisch es auch sein mag.
Das fing schon in Aguas Calientes an, das wirklich nur vom Tourismus zu leben scheint. So ganz wohl fühle ich mich in solchen Orten nicht. Es ist ein einziges Theater.
Trotz dessen fanden wir ein günstiges Hostal und machten uns nach einem Mittagessen auf den Weg zu den Thermalbädern (mal wieder). Diese waren allerdings die hässlichsten, in denen ich je war. Rochen merkwürdig, waren für meinen Geschmack nicht heiß genug und außerdem so überfüllt. Es wurde dann doch noch ein sehr schöner Nachmittag, als mich zwei Schwestern angesprochen hatten, die eine 14, die andere 8. So habe ich dann die ganze Zeit mit ihnen gespielt, wofür die Mutter mir, glaube ich, sehr dankbar war. ;) Die peruanischen Kinder sind aber auch echt zu süß.




Tag 4
begann für meinen Geschmack viiieeel zu zeitig. Um fünf ging es los mit dem Bus nach oben.
Der erste Blick auf Machu Picchu ist wirklich ein ganz besonderer, auf einmal ist man mitten drin in diesen Ruinen, die jeder schon einmal auf Fotos gesehen hat, es ist irgendwie so unwirklich. Lange konnten wir das aber nicht genießen, da wir feststellen mussten, dass wir den Plan von den Ruinen unten im Hostal vergessen hatten. Das war dann der Moment, in dem ich mich nur eines fragte: Ich hatte unterwegs so viele andere Deutsche getroffen, die - es tut mir leid - ein wenig klischeehaft gut vorbereitet und organisiert waren. Warum kann ich nicht ein bisschen mehr so sein? Nicht viel, nur ein bisschen. Nur soweit, dass man den Plan von Machu Picchu nicht vergisst, wenn man keine Tour gebucht hat und trotzdem irgendwie wissen möchte, vor welchem Gebäude man sich gerade befindet. Argh! (Das Problem wurde dann später anders behoben, aber der Reihe nach.)
An dieser Stelle möchte ich euch übrigens ein Foto nicht vorenthalten, das unsere Betten kurz nach Ankunft im Hostal in Aguas Calientes zeigt ...
So suchten wir also zunächst den Wayna Picchu, der berühmte Berg, der auf allen Fotos im Hintergrund zu sehen ist. Und eigentlich kann es ja nicht so schwer sein, einen Berg zu finden. Ist schließlich groß und schon von weitem sichtbar und so. Aber nicht so auf Machu Picchu! Da war es am frühen Morgen noch zu neblig, um wirklich gut sehen zu können. Also gingen wir mithilfe des Ausschlussverfahrens - in der Richtung, aus der wir gekommen sind, ist er ja schon mal NICHT - sowie einiger für idiotische Touristen wie uns angebrachter Hinweisschilder vor. Man kann den Weg gar nicht nicht finden, aber das wussten wir ja vorher nicht. :D
Pünktlich (!) um sieben Uhr durften wir dann loslaufen, um den Wayna Picchu zu bezwingen. Und die Wege hoch bis zum Gipfel waren, ich würde sagen, interessant trifft es am besten. Die Inka hatten Treppen in den Fels gehauen, knapp 600 Treppenstufen führen bis oben zum Gipfel. Nur waren diese zum Teil nicht mehr wirklich vorhanden und man musste zusehen, wie man diese Steine am besten hochklettert, ohne auszurutschen (danke, liebe Mutti, für die Wanderschuhe!). Später wurde es aber noch besser. Erinnert ihr euch an die Treppen aus Herr der Ringe 3 bei Mordor? Diese engen, steilen Treppen, die Frodo und Sam hochkriechen? Genau solche waren das, weshalb wir sie dann auch "Mordortreppen" genannt haben. Diese waren anstrengend, noch schlimmer wurde es aber kurz vorm Gipfel.
Da mussten wir durch einen Tunnel kriechen, in dem ich noch stehen konnte, als ich gerade hineinging. Er wurde dann aber immer schmaler und niedriger und zuletzt musste ich auf allen vieren kriechen und so auch die Treppenstufen kurz vor dem Ausgang. Das habe ich auch sehr schnell gemacht, nachdem ich irgendein merkwürdiges Tiergeräusch gehört habe, das sich anscheinend ganz in meiner Nähe befand und ich nicht im Geringsten zuordnen konnte.
Im Endeffekt war ich die Dritte oben auf dem Gipfel, was mich sehr überrascht hat, eigentlich bin ich doch sehr unsportlich. Aber gefreut habe ich mich sehr darüber, weil in den nächsten zehn Minuten keiner kam und wir das so erst einmal für uns hatten. Außer mir waren es noch eine Deutsche und eine Österreicherin, mit denen ich mich aus irgendeinem Grund trotzdem auf Englisch unterhalten habe, was sehr lustig war, weil mein Gehirn nur noch Spanisch akzeptieren will: "And for cuanto tiempo ya están acá en el Perú? Ahhh, lo siento, that wasn`t english, so ... how ... long ... are ... you ... here ... in ... Peru ... now?"
Die Mühen des Aufstiegs haben sich aber auf jeden Fall gelohnt. Diese Aussicht auf Machu Picchu, das so winzig unter einem liegt, und die unglaubliche Landschaft ringsherum, gerade wenn sich der Nebel so allmählich verzogen hat, das ist unbeschreiblich.
Langsam kamen immer mehr Leute und es wurde uns dann ein wenig zu voll, sodass wir uns an den Abstieg gewagt haben. Und die Mordortreppen runter machen noch viel weniger Spaß als hoch, da habe ich mir für den Rückweg auch einen Adler oder zumindest einen Kondor gewünscht.
Unten in den Ruinen begannen wir dann unseren Rundgang und fanden die ideale Lösung für unser kleines Karten-Problem: Touren-Schwarzhören. Wir mischten uns einfach unauffällig zu irgendeiner Gruppe, hörten eine Weile zu, was der Guide so erzählt, um herauszufinden, vor welchem Gebäude wir denn gerade stehen.
Dann machten wir die klassischen Machu Picchu-Fotos, bei denen ich auch feststellte, dass der Wayna Picchu total süß aussieht. Ich glaube, in diesem Moment hat Steffen ein bisschen Angst vor mir bekommen, aber es stimmt doch, der sieht echt niedlich aus, wie er da im Hintergrund liegt, als ob er schlafen würde!
Um den Wahnsinn zu verstärken, ließen wir uns daraufhin ewig die Sonne auf den Kopf knallen, während wir im Gras saßen und dieses weltberühmte Panorama betrachteten. Und auch nach einer Stunde war es immer noch so unwirklich.
Dann liefen wir zur Inka-Brücke, die ein wenig außerhalb war, bestaunten ein wenig die Baukunst und die Unerschrockenheit der Herren Inka, und liefen wieder zurück.
Liefen ein zweites Mal durch die Ruinen, die so voller Menschen und zwar ganz interessant, aber eben auch nicht mehr als nur Steine waren und machten uns dann auf den Rückweg, da wir nach unten laufen wollten und deshalb schon vor Anbruch der Dunkelheit unten sein mussten (wir Helden haben natürlich auch die Taschenlampe im Hostal liegen lassen).
Ursprünglich war diese Entscheidung aus Geiz gefällt worden, weil wir keine Lust hatten, noch einmal 20 Soles für den Bus nach unten zu bezahlen, und wir zudem auch mal auf den Inka-Pfaden laufen wollten. Haben wir uns zunächst noch ein wenig gewundert, warum wir denn die Einzigen sind, wurde uns das sehr bald klar: Die anderen sind einfach schlauer als wir!
Der Weg nach unten führt mitten durch den eigentlich-schon-Regenwald und es sind einfach nur Treppenstufen, Treppenstufen, Treppenstufen, bergab, bergab, bergab, und was für Treppenstufen und was für ein bergab. Nach zehn Minuten dachte ich, ich kann nicht mehr, nach zwanzig Minuten dachte ich, ich muss sterben, und nach dreißig Minuten war ich so voller Adrenalin und Endorphinen, dass ich meine Beine nicht mehr spürte und mich dafür so high fühlte, dass ich nur noch lachen und weiterlaufen konnte. Und dann fing es an zu regnen, kühler, erfrischender Regen, der das Beste war, was uns passieren konnte. Und weil die Sonne immer noch schien, bildete sich ein Regenbogen und so kitschig es auch war, es war sooo schööööön. :)
Und nach vierzig Minuten waren wir unten angelangt. Es muss ein tolles Bild gewesen sein, wie wir durchnässt, wackelnd, stolpernd und lachend aus dem Dschungel gewankt kamen. Meine Beine spürte ich nicht mehr, wo sind überhaupt meine Füße hin, ich stand kurz vor einem grausamen Tod durch Verdursten und trotzdem wurde dieser Abstieg zum schönsten Erlebnis des Tages, vielleicht sogar der ganzen Reise, in dem Augenblick, als es zu regnen anfing.
Bei einem leckeren Fruchtsaft und einer Pizza erholten wir uns danach noch ein wenig, fielen aber kurze Zeit später im Bett (gegen sechs Uhr nachmittags) in einen komaähnlichen Zustand. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so gut geschlafen zu haben. :)

Besagtes Foto ...

Der erste Blick auf die Ruinen.

Auf gehts zum Wayna Picchu!


Machu Picchu von oben.


Ich möchte auch so einen Ausblick aus meinem Wohnzimmerfenster...

Die Mordortreppen...

Isser nicht putzig, der Kleene?

Die Inka-Brücke.







Zeig mir den Weg nach unten ...




Tag 5
Mit dem Zug fuhren wir zurück nach Ollantaytambo und nahmen von dort ein Colectivo nach Cuzco. Wir buchten unseren Bus für den Abend nach Quillabamba, ein kleines Städtchen in der Selva, und lungerten den Tag in der Stadt herum. Während Steffen im Internetcafé war, entschloss ich mich dann, eines der 10000 Massage-Angebote wahrzunehmen. Das tat richtig gut, insbesondere weil die Massage zum Schluss mit heißen Steinen fortgesetzt wurde, aber ich habe auch festgestellt, dass Ganzkörpermassagen nicht zu 100% etwas für mich sind, weil ich regelrecht aggressiv werde, wenn jemand meine Füße anfässt. Man lernt immer dazu. ;)
Am Abend setzten wir uns in den Bus und los ging es mit der Fahrt, die mein persönliches Uyuni 2 in schlimmer werden sollte. Schotterweg - check. Geruckel und Gewackel - check. Was noch dazu kam: ein Weg, der eigentlich ausschließlich aus Kurven bestand, um die der Fahrer natürlich in vollem Tempo fahren musste. Und meine Ohren haben sich wieder gemeldet, die immer rumzicken, wenn ich schnell von einer größeren Höhe absteige, und zugehen. Nur wollten sie dieses Mal gar nicht mehr aufgehen, weshalb ich bis zum nächsten Morgen nur noch alles sehr gedämpft hören konnte, was mir auch große Angst gemacht hat. Durch die Kurven wurde mir zusätzlich noch schlecht, sodass die Strecke Cuszco - Quillabamba für mich der klare Sieger in Sachen schlechter Straße wurde.
Gegen vier Uhr kamen wir in Quillabamba an, wo wir eine äußerst beschissene Entdeckung machen mussten: Steffens Kreditkarte war weg. Er hatte sie in seinem Portemonaie in der Jackentasche gehabt und das war nun weg.
Nun hatte ich es schon vor der Reise in Arequipa fertig gebracht, mir die Kreditkarte klauen zu lassen, eine neue war bereits unterwegs, aber ich hatte sie eben noch nicht, weshalb ich Steffen einfach sehr viel Geld überwiesen hatte und er während der ganzen Reise immer für mich abgehoben hatte. Das war nun nicht mehr möglich ...
Zum Glück hatte ich noch meine EC-Karte dabei, mit der ich auch abheben konnte, was mich aber Gebühren kostet. Genug Geld für die geplanten kommenden Tage wäre auf meinem Konto aber nicht mehr gewesen, weil ich ja Steffen alles überwiesen hatte. So hatte ich gerade noch genug, dass wir beide zurück nach Hause kommen können und wir uns vielleicht noch eine Kleinigkeit zu Essen leisten konnten. Und das war dann auch leider schon das Ende unserer Reise.
Netterweise ließ die Busfahrgesellschaft uns im Bus übernachten, damit wir uns kein Hostal nehmen müssen. Das sind eben die reichen Gringos...

Tag 6
Nichtsahnend wollte ich die Pasaje zurück nach Cuzco buchen, betrat den Busbahnhof und bekam den Schrecken meines Lebens, als ich plötzlich von vier verschiedenen Seiten gleichzeitig angebrüllt wurde. Ich war zuerst einmal völlig verschreckt und brauchte einen Moment, bis ich mich wieder soweit sammeln konnte und zu weiteren Handlungen fähig war.
Der Hintergrund des Gebrülls war nämlich folgender: In Quillabamba fahren die Busse nur nach Cuzco. Es gibt allerdings mehrere Busgesellschaften, die alle die selben alten Busse haben, den selben Preis verlangen und auch ungefähr um die gleiche Zeit losfahren. Daher reagieren die Mitarbeiter der Busgesellschaften immer gleich, wenn jemand einen Fuß in den Busbahnhof sitzt: Sie fangen an, auf ihn einzuschreien, dass er doch mit ihrem Bus fahren soll. Das Gebrüll endet so aprupt wie es anfängt in dem Moment, in dem sich das arme Opfer für eine Busgesellschaft entscheidet. Die Gesichter der Opfer sind aber einfach göttlich.
Nachdem ich das selbst auch mitmachen musste, konnte ich das Spektakel umso mehr genießen und habe bei diesem Anblick laut losgelacht, da war ich auch nicht die Einzige.
Weil ich so enttäuscht davon war, dass aus Quillabamba doch nichts wird, hat sich mein Unterbewusstsein anscheinend gesagt, dass ich jetzt erst recht einen unterhaltsamen Tag nötig habe, jedenfalls hatte ich dann auf der Fahrt nach Cuzco den bisher vielleicht schlimmsten Lachanfall meines Lebens. Ich weiß nicht, wie lange sich das hingezogen hatte, dass ich gelacht, mich für 30 Sekunden beruhigt und dann wieder losgelacht habe. Beruhigt habe ich mich letztendlich nur dadurch, dass ich die traurigsten und melancholichsten Lieder auf meinem Handy gesucht und mich voll darauf konzentriert habe, ansonsten wäre ich wohl erstickt. Ein Hoch auf die Depri-Songs!
In Cuzco fuhr Steffen fast sofort weiter nach Lima, während ich noch vier Stunden Zeit hatte, die es totzuschlagen galt. Ungefähr zwei Stunden hielt ich mich im Internetcafé auf, wo ich dann mit einem peruanischen Freund sowie mit Niko ganz lange redete (an dieser Stelle vielen Dank an letzteren!). Nun war ich ja auch wieder alleine, was zur Folge hatte, dass ich keine fünf Minuten irgendwo alleine sitzen konnte, ohne angesprochen zu werden. Das war mir in diesem Moment aber ganz recht und so habe ich mich lange mit allen möglichen Menschen unterhalten, bis mein Bus endlich fuhr.
Am nächsten Morgen war ich gegen sechs Uhr in Arequipa.
Und hier bleibe ich jetzt auch erst einmal. :)