Es gibt Tage, da sehne ich mich sehr nach deutschem Luxus. Wie beispielsweise immer verfügbares Wasser, das auch 24 Stunden am Tag warm ist, keine ständigen Stromausfälle, richtige Fenster, eine Heizung, dichte Häuser, in die es nicht reinregnet oder Busse, in denen ich, auch wenn ich vielleicht keinen Sitzplatz finde und stehen muss, nicht in Gefahr laufe, zu ersticken, zerquetscht zu werden oder aus dem Bus zu fallen, weil ich eigentlich mehr in der Tür hänge, die sich natürlich nicht schließen lässt, als mich im Bus zu befinden. An diesen Tagen freue ich mich riesig darauf, nach Deutschland zurückzukommen. Dann schießen mir jedoch immer wieder verschiedene Szenen durch den Kopf ...
Ich sitze mit zwei der großen Mädchen abends nach dem Abendessen in meinem Wohnzimmer. Sie wollten sich einige Fotos auf meinem Netbook anschauen, als gerade das Licht ausgeht. Stromausfall. Vielleicht ist es ja nur für kurze Zeit, meistens dauert es nicht länger als eine Stunde.
Wir sitzen im Dunkeln und unterhalten uns lange, die Mädchen erzählen mir von ihren Wünschen und Träumen, von ihren Sehnsüchten und ihren Geheimnissen. Das Licht bleibt aus. Irgendwann ist es schon um zehn und sie gehen ins Bett. Noch immer haben wir keinen Strom. Ich steige nach oben aufs Dach, um zu sehen, ob es nur die Aldea betrifft. Vom Dach habe ich einen großartigen Ausblick auf die gesamte Stadt, heute sieht man aber nicht viel. Das gesamte Viertel liegt im Dunkeln, es scheint, als ob es erst wieder ab einer wichtigen Hauptstraße Strom geben würde. Die Straße hoch muss ich gar nicht schauen, wenn es weiter unten keinen Strom gibt, dann gibt es den weiter oben erst recht nicht. Je weiter man nach oben fährt, desto ärmer wird die Gegend und in den Hütten am Stadtrand selbst gibt es nicht einmal fließendes Wasser.
Ich gehe in mein Zimmer und bewege mich tastend voran, verfluche wieder meine Unordnung, als ich mit dem Fuß gegen den Wäschekorb stoße. Ich suche meine Taschenlampe, um wenigstens ein bisschen Licht zu haben, und gehe schließlich schlafen, der Stromausfall sollte ohnehin bis zum nächsten Tag andauern.
Am Morgen hat aus diesem Grund auch keine einzige Tienda Brot.
Wir holen die Kinder von der Schule ab und ich setze mich neben das Auto in die Sonne, während wir darauf warten, dass die Kinder so allmählich eintrudeln. Ich beobachte die Gegend und versuche sie noch einmal so zu sehen wie ich sie am Anfang gesehen habe. Die Straßen sind zum Teil nicht asphaltiert, man läuft im Staub und Dreck. Überall liegt Müll rum, die Wände sind mit Graffitis beschmiert, die sich auf die Wahl vergangenen Jahres beziehen und sich Humala zum Präsidenten wünschen. Oder auch einfach nur Beleidigungen sind. Die Straßenhunde bellen vorbeifahrenden Autos hinterher. Ein Krankenwagen fährt vorbei, der sich bei näherem Hinsehen als ein alter Combi entpuppt und sich von den normalen Combis nur durch die Aufschrift "Ambulancia" unterscheidet. Diese normalen Combis sind nur noch ein wenig älter und kaputter und wenn da die Tür kaputt ist, wird sie halt mit Klebeband zusammen gehalten.
Am Straßenrand stehen alle paar Meter Männer und Frauen, die irgendwelche Sachen verkaufen, um sich irgendwie halbwegs über Wasser halten zu können. Eis, Süßigkeiten, Getränke, Lebensmittel, Knöpfe, Taschen, es gibt nichts, was es nicht gibt. Die Häuser überall sind erschreckend alt und kaputt und zerfallen, die Dächer schützen vor fast nichts. Ich habe irgendwann aufgehört, mich zu fragen, wie Menschen so leben können.
Es fällt mir schwer, diese täglichen Szenen so zu sehen wie ich sie beim ersten Mal gesehen habe. Es ist einfach Normalität geworden.
Ich stehe auf der Plaza de Armas. Auch hier gibt es gerade keinen Strom, das Beunruhigendere sind jedoch die unzähligen Polizisten, die eine Breitseite des Platzes fast vollständig annehmen. Sie stehen einfach da, die eine Hälfte mit Schäferhunden, die andere Hälfte schwer bewaffnet.
Der Grund dafür wird mir auch sehr bald klar: Während einer Demonstration umkreisen viele Protestierende den Plaza de Armas. Sie schwenken Plakate mit der Aufschrift "SUTEP". Ich spreche eine Demonstrantin an, eine ältere Frau, da mir der Begriff Sutep nichts sagt. Sie erklärt mir, dass es sich bei Sutep um die Gewerkschaft der Lehrer handelt und die Proteste sich auf neulich beschlossene Kürzungen in der Bildung beziehen. Ich wusste gar nicht, dass man in diesem Bildungssystem noch mehr kürzen kann.
Was sich mir jedoch ins Gedächtnis einbrennt, sind die Polizisten, die alle paar Meter an den Seiten der Demonstranten stehen und mitlaufen. Sie halten bereits Gewehre in der Hand und in Richtung der Demonstranten gerichtet, weitere Waffen tragen sie deutlich erkennbar am Körper. Und es besteht kein Zweifel daran, dass sie bei jedem kleinsten Zwischenfall sofort dazu bereit wären, in die Menge zu schießen.
Verschiedene Ereignisse seit vergangenem August schwirren mir im Kopf herum. Cajamarca, Proteste gegen den Bau einer Silbermine mit verheerenden Folgen für Menschen und Umwelt. Tote. Viele, teils Schwerverletzte, Festnahmen. Ausnahmezustand für die betreffende Region durch die Regierung verhängt. Rücktritt einiger wichtiger Regierungsmitglieder. Die peruanische Linke wendet sich immer mehr von Humala ab. Cuzco, Proteste gegen eine Kupfermine, dieselben Gründe, dieselben Folgen. Zwei Tote, viele Verletzte, Festnahme von Menschenrechtlern, die Regierung verhängt den Ausnahmezustand. Letzteres ist noch nicht einmal drei Wochen her. In der heißen Sonne stehend und auf die bereits gezückten Waffen der Polizisten schauend, ist mir das auf einmal alles viel klarer.
Der Wortlaut der Sprechchöre hat sich geändert. Die Menschen reden jetzt von Humala. Dem tollen Humala, der vor der Wahl zum Präsidenten letztes Jahr so viel versprochen und nichts davon gehalten hat. Sie stimmen ein Lied an. "Que se vaya, que se vaya!" (dass er gehen möge, dass er gehen möge)
Und wenn ich mich bei dem Gedanken erwische, dass mir deutsche Ohrenstäbchen fehlen, frage ich mich wirklich, ob das so wichtig ist. Ob all diese Sachen, die mir manchmal fehlen, wirklich so wichtig sind. Und in diesen Momenten wächst die Angst vor der Rückkehr nach Deutschland, die mit nur acht Wochen immer mehr in greifbare Nähe rückt. Denn irgendwie ist mir die, auch vorher nie sehr große, Lust auf diese Luxus- und Konsumgesellschaft mittlerweile vollständig vergangen.
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