Freitag, 10. Februar 2012

Ruinen

 Seit ungefähr zwei Stunden bin ich wieder in Arequipa und da wir beschlossen haben, erst am Sonntag nach Lima zu fahren, habe ich jetzt sogar noch die Zeit, um einen Blogeintrag zu verfassen. :)
Ich lade jetzt nur erst einmal einige wenige Fotos hoch, die anderen, insbesondere von den Kindern, kommen später irgendwann.
Montagmorgen hieß es, um acht kommt der Bus, halb neun geht es los. Sogar für peruanische Verhältnisse waren wir spät dran, da der Bus erst um zehn da war. Das hat mir eigentlich ganz gut gepasst, da ich nämlich noch so einiges zu erledigen und zu packen hatte und die hora peruana mir eigentlich sehr gut gefällt, da ich dadurch nicht immer so gestresst bin. Als wir alles in den Bus packen wollten, haben wir festgestellt, dass nicht genug Matratzen in den Bus passen, also wurde der Fahrer kurzerhand bestochen, dass er den Raum, wo eigentlich sein Bett ist, auch noch freigibt. Und ja, Peru hat ein sehr großes Problem mit Korruption …
Willkommen in Camaná!
Mit fast 50 Kindern und ungefähr 20 Matratzen fuhren wir dann endlich los, raus aus dem im Moment wieder verregneten Arequipa, ab nach Camaná, ans Meer! Die 4 Stunden Fahrt gingen recht schnell vorbei, auch wenn ich absolut nicht nachvollziehen kann, wieso man einen Film wie „Pans Labyrinth“ in einem Bus zeigt, in dem auch Kleinkinder sitzen. In Camaná angekommen kam erst einmal der große Schock – das Haus, das uns dort erwartete, war nichts weiter als eine Ruine. Na super, das kann lustig werden, die Freude darüber war auch den Kindern deutlich anzumerken. Aber nun gut, ändern kann mans sowieso nicht mehr, also muss man irgendwie das Beste aus den kommenden Tagen machen und immerhin waren wir direkt am Strand.
Nachdem die Ruine irgendwie halbwegs für-einige-Tage-überlebens-tauglich gemacht wurde, konnten wir uns dann endlich in die eiskalten Wellen des Pazifiks stürzen. Und das hat dann wirklich alle Mühen entschädigt! Mit den Großen konnten wir uns etwas weiter draußen einen Kampf mit den Wellen liefern und die Kleinen hatten eine Art natürliches Schwimmbad, eine sehr, sehr große Pfütze etwas weiter weg von den Wellen, wo sie die ganze Zeit glücklich plantschen konnten.
Das "Schlafzimmer" der großen Jungs, die sich je zu zweit eine Matratze teilen mussten
Am zweiten Tag wurden wir in Gruppen eingeteilt, jeweils eine Tutora und ein Freiwilliger war für ungefähr 11 Kinder verantwortlich. Insgesamt gab es vier Gruppen, wobei wir aber nur mit den drei Gruppen, die aus den kleinen Kindern und den Mädchen bestanden, täglich wechselten. Für die vierte Gruppe, die großen Jungs, waren die ganze Zeit der Tutor der Jungs und Alessandro, ein neuer Freiwilliger aus Italien, verantwortlich. Das war allerdings nicht so streng und letztendlich sah die Arbeitsaufteilung zwischen den Tutoras und uns so aus, dass die Tutoras auf die Kleineren achteten, die nicht ins Meer gingen, und wir Freiwilligen eigentlich fast den ganzen Tag in den Wellen verbrachten. Zum Mittagessen ging es zurück in unsere Ruine, danach war Mittagsschlaf angesagt (also ich hab zumindest tief und fest geschlafen) und anschließend gingen wir wieder bis zum Abendessen an den Strand. Und es war so toll, mit den Kindern am Strand zu spielen, Sandburgen zu bauen, sich Wasser- und Sandschlachten zu liefern, Schach zu spielen, zu reden, sich Botschaften in den Sand zu schreiben und und und. Was natürlich nicht fehlen durfte und auch am letzten Tag einfach nicht langweilig wurde, waren Witze über meinen Namen. Bis zuletzt hat mir kein Kind geglaubt, dass ich mich in eine Meerjungfrau verwandeln werde und zu meinem Haus im Pazifik schwimmen werde, sobald ich ins Wasser bin. Die haben einfach nicht richtig hingeschaut!
Die ganzen sandigen Klamotten wurden im Bach ausgewaschen
Am Morgen des ersten Tages versetzte uns ein relativ starkes Erdbeben in Angst und Schrecken. Da Camaná 2001 schon einmal von einem Tsunami ziemlich stark getroffen wurde (ich gehe später noch einmal darauf ein), war auch die Angst da, dass es einen erneuten Tsunami geben könnte. Also haben sich alle Mitarbeiter zu einer kleinen Reunion getroffen und es wurde das Verhalten im Falle eines erneuten Erdbebens und/oder eines Tsunamis besprochen. So unwahrscheinlich es auch möglicherweise ist, das Risiko besteht und diese Tatsache fand ich ziemlich beängstigend.
Und auch das Geschirr musste im Bach gewaschen werden. Rechts im Bild ist übrigens unser Haus.
Wenige Meter von unserer Ruine entfernt war eine andere Ruine, die noch um einiges schlimmer aussah, beide Gebäude wurden durch diesen Tsunami verwüstet. Nachdem wir am dritten Tag mitbekommen hatten, dass sich zwei der großen Jungs Waffen zugelegt hatten, dieselben Jungs, die mir noch wenige Tage vorher unter Tränen von ihren toten Eltern erzählt hatten und den ganzen unzähligen Schlägen und Verletzungen, die sie in ihrer Kindheit hatten einstecken müssen, war ich sehr, sehr nachdenklich geworden und brauchte ein wenig Zeit für mich, um allein zu sein und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen und bin zu eben dieser anderen Ruine gegangen. Ich weiß immer noch nicht, was ich groß sagen soll. Es war ein sehr beängstigender und unheimlicher Ort und je mehr ich mich in den Trümmern umgesehen habe, desto stiller wurde ich, auch in meinen Gedanken. Es roch, auch nach über 10 Jahren, immer noch verbrannt, da waren einzelne Schuhe, ein Kinderpullover, ein Kuscheltier und so viele Fragen, die unbeantwortet im Raum stehen. Was ist aus den Besitzern dieses Hauses geworden? Wie geht das Leben nach einer solchen Naturkatastrophe weiter, wie leben die Menschen damit, wo doch nicht nur die Häuser zerstört werden? Und was ist mit meinen Kindern? In welchem Moment beschließen zwei so talentierte, fürsorgliche und liebevolle Kinder, die gerade einmal 13 und 14 Jahre alt sind, sich Waffen zuzulegen? Es gibt viel zu viele solcher Ruinen auf der Welt, das ist alles, was ich weiß. Und was ich beginne zu verstehen, ist, wie hart das Leben für die Menschen hier in Peru wirklich ist.
Nach einer Woche ohne Wasser und Strom weiß ich zu schätzen, welch ein Luxus das ist, wenn man den Wasserhahn aufdrehen oder das Licht anmachen kann, wenn man ein Haus mit einem Bett und Tisch und Stühlen und Klo hat, welch ein riesengroßer Luxus das ist, dessen man sich gar nicht so bewusst ist und den sich unzählige Menschen nicht leisten können.
An einem Abend ist einer der kleineren Jungs krank geworden und ich habe ihn ins Bett gebracht. Weil es ihm sehr schlecht ging, bin ich noch bei ihm geblieben und habe angefangen, ihm einige Schlaflieder vorzusingen, was eigentlich wiederum sehr lustig war, weil ich von den meisten nur noch ein, zwei Strophen sowie die Melodie im Kopf hatte und deshalb einfach irgendetwas gesungen habe. Es war ohnehin egal, weil er ja kein Wort davon verstanden hat. Eben dieser Junge ist derjenige, der am liebsten neue Wörter in anderen Sprachen lernt, dementsprechend kann er ein bisschen was auf Deutsch und Englisch, mehr als die anderen, die nur deutsche Schimpfwörter und Deine-Mudda-Sprüche können. Als er fast schon eingeschlafen war, sagte er etwas, das ich zunächst nicht ganz verstanden habe, bis mir klar wurde, dass er sich gerade auf Deutsch bedankt hat, für etwas, für das sich kein Kind auf dieser Welt bedanken sollte, weil es normal sein sollte.
Diese Woche war in jedem Sinne unvergesslich und hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen und auch, wenn ich mich auf die nächsten zwei Wochen freue, die Kinder werden mir ganz schrecklich fehlen.



Bilder der anderen, völlig zerstörten Ruine






Sonntag, 5. Februar 2012

Halbzeit

Halbzeit, das ist ein ziemlich gruseliges Wort, wo es doch bedeutet, dass die Hälfte der Zeit hier in Peru schon endgültig vorbei ist. Ich glaube, das habe ich in sämtlichen Blogeintragen, unzähligen E-Mails und Skype-Gesprächen deutlich gemacht, aber es waren sechs wunderschöne, aufregende, interessante und intensive Monate, in denen ich mich und mein Denken schon verändert und jede Menge gelernt habe, da ist die neue Sprache noch die geringste und am ehesten zu vernachlässigende Sache. Ich habe mir angewöhnt, das Pfeifkonzert auf den Straßen und Anschnallgurte zu ignorieren, beim Aussteigen im Combi laut "Baja!" zu rufen, habe gelernt, dass in einem Taxi wesentlich mehr Platz als nur für vier Personen ist (denn man kann ja jemanden auf den Schoß nehmen und es gibt ja außerdem noch einen Kofferraum), bin absolut süchtig nach Mangos, Inca Kola und Avokado geworden, wundere mich nicht mehr über Biereis (eine absolute Marktlücke in Deutschland) und singende Waschmaschinen oder Barbie-Girl-spielende-LKWs finde ich richtig cool. Kurz, irgendwie habe ich in diesem fernen Land eine zweite Heimat und eine, mit 50 Kindern überdimensional große, zweite Familie gefunden.
Es war die beste Entscheidung meines Lebens und ich bin dankbar für jede Erfahrung, die ich hier mache, die positiven wie die negativen.
Manchmal fühle ich mich sehr allein und winzig in einem riesengroßen Haufen Probleme, gegen die ich nichts ausrichten kann, in einer sehr ungerechten, sehr kalten und sehr grausamen Welt, die so viel mehr Menschlichkeit braucht. Manchmal ist es zu hart, jeden Tag mit den schrecklichen Schicksalen dieser tollen Kinder konfrontiert zu werden, und ich frage mich, was, verdammt noch mal, kann ich schon machen?
Ich musste mich mit Themen und Fragen auseinandersetzen, bei denen ich schon vorher dachte, dass das kommen wird, aber genauso mit Dingen, von denen ich es nicht erwartet hätte, seien das Mobbing, Gewalt, Rassismus, Kinderarbeit, Alkoholismus, die Opfer-Täter-Problematiken oder Armut. In erster Linie sind das einfach nur irgendwelche Begriffe, mit denen man Menschen auch ziemlich gut manipulieren kann, nur sind es für mich nicht mehr irgendwelche Begriffe ohne Namen, ohne Gesichter, ohne Erlebnisse, sondern ich verbinde etwas damit und kann zu allem etwas erzählen, was nicht aus irgendwelchen Büchern oder Fernsehsendungen stammt.
Ich habe meinen Kindern unzählige wunderschöne, lustige, traurige und berührende Momente zu verdanken, sie haben mir den letzten Nerv geraubt und mich in schwierige Situationen gebracht, aber wenn sie mir das Vertrauen entgegen bringen, mir von ihrer Kindheit zu erzählen und sich in meinen Armen auszuweinen, dann ist es das mehr als nur wert.
Ich habe sehr viele Sachen in Deutschland erst so richtig schätzen gelernt und es gibt viele Dinge, die ich vermisse, die mir vorher nie bewusst waren - die Geräusche, die mein Hund macht, wenn er unter die Decke oder ins Zimmer möchte, Türklinken, an denen ich mich ständig nur stoße, kühle Wintertage, an denen die Sonne rauskommt, und die Luft an diesen Tagen, bunte Blätter im Herbst, ganztägig heißes Wasser, Gewitter, warmer Sommerregen, Sonnenblumenkernbrötchen, die Aufstriche meiner Mutter, den Leipziger Hauptbahnhof und überhaupt, Zugfahren! Oh Gott, ich liebe Zugfahren, das wird das Größte, wenn ich wieder in Deutschland bin. Und ich freue mich riesig darauf, meine Freunde und Familie irgendwann wiederzusehen, auch wenn ich mir das noch nicht so richtig vorstellen kann. Was ich mir genauso wenig vorstellen kann, ist, irgendwann ohne die Kinder leben zu müssen.
Ich finde es toll, dass meine Arbeit hier so abwechlungsreich ist, da ich sowohl mit Mädchen als auch mit Jungen im Alter von 1-17 arbeite und man dadurch wirklich sehr gefordert ist. Schade ist lediglich, dass es bei 50 Kindern viel zu wenig Erzieher gibt und wir auch keine feste Gruppe haben, um die wir uns kümmern, sondern für alle da sind und der Einzelne dabei oftmals auch zu kurz kommt und ich nicht allen Kindern die Zeit und Aufmerksamkeit schenken kann, die ich ihnen gerne geben würde. Das tut mir manchmal richtig leid, weil sie wirklich alle toll sind.
Das ist jetzt sehr rückblicklastig, aber so fühle ich mich momentan. Die erste Hälfte ist vorbei, die Hälfte mit Einleben, Anpassen, Sprache lernen, an die Arbeit gewöhnen, Beziehungen zu den Kindern aufbauen, Kulturschock und Überwindung eben dieses. Jetzt fühle ich mich wohler als jemals zuvor hier und freue mich sehr auf die zweite Hälfte, die gleich sehr interessant beginnt.
Morgen fahren wir mit den Kindern für fünf Tage ans Meer, ohne fließendes Wasser, Strom und Betten (wir müssen Matratzen mitnehmen). Anschließend fahren Ramona und ich nach Lima, um Freunde zu besuchen, und die Stadt ein wenig besser kennenzulernen. Und die Woche darauf haben wir Zwischenseminar in Cerro Azul, ebenfalls am Pazifik. Deshalb werde ich erst Ende Februar wieder in Arequipa sein und in den nächsten drei Wochen nur sporadisch Internetzugang haben. Ich entschuldige mich daher schon jetzt einmal für alle unbeantworteten Nachrichten und auch dafür, dass es mit einigen Skype-Gesprächen nicht mehr geklappt hat, aber ich habe im Moment leider wirklich sehr viel zu tun. Das wird alles nachgeholt, wenn ich wieder in Arequipa bin, und dann doppelt und dreifach! :)

Sonntag, 29. Januar 2012

Jubiläum und Abschied

Ich habe gerade ein ziemlich langes Wochenende hinter mir, an dem wir komplett beide Tage gearbeitet haben. Der Grund dafür ist die "Pollada", das Jubiläum der Aldea, das mit Hühnchen, Gaseosa, Kuchen und einem kleinen Programm gefeiert wurde und übers gesamte Wochenende verteilt wurde.
Am Samstag stand ein selbstgestaltetes Programm der Kinder auf dem Plan. Ramona hatte mit einigen der Jungs "Sound of silence" geübt, was auch richtig schön war, wovon ich mich aber lieber fernhalten wollte, weil ich so froh war, nie wieder vor anderen Leuten singen zu müssen, nachdem ich Musik nach der 10. Klasse abgewählt habe. Denkste ... am Samstagmorgen bat mich einer der Jungs darum, doch auch mitzusingen und ließ auch nicht locker, nachdem ich mich zunächst ein wenig gewunden habe. Ach Kinder ... so habe ich mich dann doch noch überreden lassen und wir haben es nach dem Mittagessen noch geübt. Ramona hat Gitarre gespielt und gesungen, zwei der großen Jungs haben sie auf den typischen Andenflöten begleitet (ich vergesse immer wieder die Namen) und einer der kleineren Jungs, Jesús, und ich haben dann auch noch mitgesungen. Die erste Strophe auf Englisch, was so süß war, weil Jesús kein Wort Englisch kann und es einfach nur irgendwie betont hat. Das ist aber auch gar nicht aufgefallen, weil das mit dem Englisch ohnehin bei allen so eine Sache ist, und die zweite und dritte Strophe haben wir auf Spanisch gesungen. Letztendlich klang es auch richtig schön, auch wenn ich vorher am liebsten schreiend aus dem Comedor gerannt wäre, um bloß nicht singen zu müssen. Der Junge, der mich dazu überredet hat, hat bemerkt, dass ich mich nicht so ganz wohl gefühlt habe, und gemeint, ich solle keine Angst haben, ich kann das. Ich muss die Kinder wirklich alle irgendwie in meinen Rucksack quetschen, wenn ich zurück nach Deutschland fliege. ;)
Das Programm sollte um vier Uhr losgehen, wie immer konnte man sich aber auf die hora peruana verlassen, sodass alles gegen fünf anfing. Ich frag mich jedes Mal wieder, warum ich mich trotzdem noch auf die genannte Uhrzeit einstelle und nicht auf eine Stunde später.
Die Kleinen haben so etwas wie eine Art Minitheater einstudiert, was richtig süß anzusehen war. Die großen Mädchen haben getanzt, dann haben wir gesungen, und dann haben die großen Jungs auch getanzt, zu "Gasolina" von Daddy Yankee, das Lied ist eigentlich ziemlich bekannt, vielleicht könnt ihr euch etwas darunter vorstellen und dann auch den entsprechenden Tanz dazu. :) Als ich das gesehen habe, war ich so wahnsinnig gerührt und stolz auf meine Kinder, die alle so talentiert sind, die tanzen und singen und Fußball spielen und Instrumente spielen und zeichnen können und das so richtig, richtig gut. So kitschig es auch klingt, in diesem Moment dachte ich wirklich, nicht mehr aushalten zu können, wie sehr ich diese Kinder liebe. Zum Glück kam dann Neiber an, einer der kleineren Jungs, der einfach der goldigste kleine Junge ist, den man sich vorstellen kann, setzte sich neben mich, nahm meine Hand und fragte mich wieder einmal aus. Woher habe ich den Ring an meinem Finger, bin ich verheiratet - nein, den habe ich in Nazca gekauft, weil er mir sehr gut gefallen hat, mir etwas bedeutet und für mich für Peru steht. Warum wollte ich denn nach Nazca - ich wollte die Nazca-Linien sehen, weil diese mich schon immer sehr fasziniert haben. Gibt es dort denn auch Inseln, habe ich diese Inseln gesehen, er findet Inseln toll - und dann musste ich ihn einfach nur so fest umarmen wie ich konnte.
Heute, am Sonntag, war dann der größere Teil des ganzen Spektakels; die Türen der Aldea standen offen, es kamen viele Leute und auch andere Albergues, gegen die meine Kinder dann Fußball und Volleyball gespielt haben. Und auch gewonnen haben, aber haushoch!
Ich wurde zum Verkaufen verdonnert und habe mich von um zehn bis ungefähr um drei damit beschäftigt, Choclo con queso (Mais mit Käse), pastel de papa, pastel de tallarines (eine Art Kartoffel-/Nudelauflauf) und Kuchen zu verkaufen. Zum Glück war ich nicht alleine, sondern hatte die Unterstützung von drei der großen Mädchen, weshalb es immerhin nicht langweilig wurde. Trotzdem war ich froh, als Schluss war; Verkäufer ist wirklich nicht mein Traumjob, ich lasse mich lieber beim Schach abzocken, als Flugzeug oder Hoppe-hoppe-Reiter-Pferd missbrauchen oder bei meinen kläglichen Fußballversuchen auslachen. Aber wenigstens bei Puzzle-Wettbewerben bin ich gut!

Aber auch sonst wird die Arbeit in der Aldea nicht langweilig. Seit Januar haben wir ein neues Mädchen, die sich relativ gut einlebt, aber ein sehr schwieriger Charakter ist, da sie im Prinzip auf der Straße aufgewachsen ist und so etwas wie Regeln überhaupt nicht kennt. Da gibts dann bei jedem Nein auch gleich ein ziemliches Theater.
Seit ungefähr einer Woche haben wir auch einen neuen-alten Jungen bei uns. Er ist der jüngere Bruder von zwei der Jugendlichen, hat auch schon in der Aldea gelebt, ist aber zweimal rausgeflogen und bekommt nun seine dritte und letzte Chance. Anfangs war er ziemlich ruhig und hat sehr, sehr viel beobachtet, man hat aber schon bemerkt, dass er es faustdick hinter den Ohren hat. Ich bin gespannt, was uns da noch bevor steht.
Meine kleine Esther, die jetzt weg ist. :(
Dafür ist aber ein Mädchen gegangen, von heute auf morgen. Am Donnerstag hieß es noch in der Reunion (der zweiwöchentlichen Versammlung aller festen Mitarbeiter), dass sie jetzt gehen wird, und am Freitag war sie schon weg, ich konnte mich nur durch einen Zufall noch von ihr verabschieden. Sie lebt jetzt in einem anderen Kinderheim, da ihre große Schwester das unbedingt so wollte, weil sie sie jetzt in den Ferien für zwei Wochen zu sich nehmen wollte. Das ist in der Aldea aber nicht möglich, da kein Kind in den Ferien oder am Wochenende nach Hause darf, weil sie dort zu sehr gefährdet wären. Daher hat ihre große Schwester veranlasst, dass sie in anderes Kinderheim gesteckt wird. Ich finde das sehr schade, auch wenn ich glaube, dass sie sich ganz gut zurecht finden wird, weil sie sehr offen, aufgeschlossen und lebendig ist. Sie war auch die Erste überhaupt, mit der ich hier an meinem ersten Tag geredet habe. Und sie fehlt mir jetzt schon ganz schrecklich.
Das gibt mir irgendwie einen Vorgeschmack auf August und ich mag gar nicht daran denken, dass ich die Hälfte meiner Zeit hier fast schon hinter mir habe. Das ist irgendwie sehr absurd.


Juan Carlos und Deybi, die Verrückten!
v.l.n.r.: Jose Cristian, Julio, Jose Manuel, Alicia und Neiber.

die großen Jungs zu Weihnachten. <3




Anais


Freddy

Montag, 23. Januar 2012

Dem Himmel ein bisschen näher

 Vor einer Woche hatten Ramona und ich richtig große Lust, wieder mal etwas zu reisen, und haben spontan beschlossen, für ein Wochenende zum Titicaca-See zu fahren, der nur 6 Stunden von hier liegt und nach peruanischen Verhältnissen von Entfernungen somit quasi um die Ecke.
Wir haben eine Freundin gefragt, die eigentlich aus Juliaca kommt, was in der Nähe von Puno liegt, die uns daraufhin gesagt hat, dass ihr Cousin Tourismus studiert hat und uns organisiert hat, dass er uns ein wenig rumführt. Nur wenige Stunden vor Abfahrt hieß es dann plötzlich, dass wir doch lieber erst einen Tag nach Juliaca sollen, weil da ein wichtiges Fest wäre, und danach weiter nach Puno. Okay, warum nicht, klingt interessant.
In Juliaca
Donnerstagabend nach der Arbeit stiegen wir in den Bus und nach kurzer Aufregung, ob das jetzt überhaupt der richtige ist, ging es los, fünf Stunden aufwärts auf 3800 Meter Höhe. Gegen halb zwei kamen wir in Juliaca an, wo uns besagter Cousin erwartete. Standesgemäß gab es erst einmal einen Mate de Coca, dann überrollte uns aber die Müdigkeit. Nachdem wir am Freitagmorgen gefrühstückt hatten, gingen wir los in die Stadt. Juliaca kannte ich vorher nur als Handelsstadt, von der irgendwie fast immer abgeraten wird, weil sie ziemlich gefährlich wäre. Naja, touristisch ist diese Stadt kein bisschen, ich habe den ganzen Tag keine anderen Touristen gesehen. Es gibt auch nicht viele Sehenswürdigkeiten, aber die Stadt ist wunderschön und so lebendig! Noch beeindruckter von Juliaca selbst war ich jedoch vom Himmel, der einem auf 3800 Meter Höhe so viel näher vorkommt. Wäre die Kirche im Mittelalter so hoch oben in den Anden gewesen, hätte sie gewusst, dass die Erde nur eine Kugel sein kann … Probleme mit der Höhe hatten wir überhaupt keine, dadurch, dass wir in Arequipa auf ungefähr 2300 Meter Höhe leben, sind wir aber auch schon halbwegs daran gewohnt. Nur das Atmen nach einem Aufstieg oder auch einfach beim Laufen fällt etwas schwerer.
Daran mussten wir uns aber sehr schnell gewöhnen, denn eben jenes wichtige Fest findet auf dem höchsten Punkt Juliacas statt. Dort oben angekommen hatten wir einen fantastischen Blick auf die Umgebung (und den tollen Himmel! :P) und steckten gleich mittendrin im Geschehen.
Der höchste Punkt Juliacas
Es handelt sich dabei um eine Zeremonie, die noch aus Präinka-Zeiten stammt und ungefähr seit dem 12. Jahrhundert praktiziert wird. Der Hintergrund ist die Verehrung Pachamamas (Mutter Erde) als heilig, was an diesem Tag gefeiert wird – aus diesem Grund wird übrigens auch bei jedem Getränk zunächst ein wenig auf den Boden gegossen, als Opfergabe quasi. Oben auf dem Berg werden Pachamama dann verschiedene Sachen geopfert, Süßigkeiten, Kokablätter, Wein etc., wobei jede Opfergabe für einen bestimmten Wunsch steht, den Pachamama erfüllen soll – Süßigkeiten sollen beispielsweise für Glück im Haus sorgen, Wein bei der Ernte. Alle diese Sachen werden auf den Boden gestellt und von einigen Frauen und Männern geordnet. Ein weiteres Ritual, das Glück bringen soll, ist, aus einer Tüte Koka-Blätter vier schöne herauszusuchen und sich etwas zu wünschen. Anschließend werden diese auch zum „Tisch“ gelegt.  
Dieser Teil der Opfergaben dauert ziemlich lange, weshalb wir schon wieder ein wenig runtergestiegen sind und uns etwas ausgeruht haben. Ungefähr eine Stunde später begann der zweite Teil des Fests: Die Menschen, gekleidet in Trachten, führten traditionelle Tänze vor.
Es war wirklich sehr interessant, das alles miterleben zu dürfen. Traurig finde ich nur, dass Pachamama so angepriesen wird und sich wenige Meter weiter der Müll trotzdem stapelt.
Als es langsam immer kälter wurde, gingen wir nach Hause, haben gegessen, selbst den Grundschritt eines traditionellen Tanzes gelernt und mit den vier Kindern im Haus gespielt, bevor wir schlafen gegangen sind, weil wir am nächsten Morgen schon halb sieben aufstehen sollten. Und sowas nennt sich Urlaub.
Der nächste Morgen brachte eine böse Überraschung, denn es regnete wie aus Strömen. Wir haben uns damit getröstet, dass wir ja nach Puno zum Titicaca-See fahren und das noch ungefähr eine Stunde weit weg ist. Und tatsächlich, dort hatte es zwar auch geregnet, aber scheinbar kurz bevor wir gekommen sind aufgehört. Kaum am Hafen angekommen, saßen wir schon in dem Motorboot, das uns zur Insel Amantaní bringen und später noch für unseren Beinahe-Untergang sorgen sollte. Aber noch ahnten wir nichts …
Zunächst machten wir auf den Islas de los Uros Stopp, spielten das typische Touri-Theater mit, aber es war ja auch wirklich interessant, weil es weltweit nichts Vergleichbares gibt. Uns wurde der Aufbau dieser schwimmenden Inseln erklärt und wir durften sie selbst ein wenig erkunden.
Islas de los Uros
Die Inseln sind aus Schilf gebaut und Schilf wird wirklich für alles genutzt, zum Häuserbauen sowie zum Essen. Und der Boden ist wirklich ziemlich wackelig!
In einem traditionellen Boot fuhren wir zu einer anderen schwimmenden Insel, von der es dann mit dem Motorboot weiter in Richtung Amantaní ging. Drei Stunden waren wir unterwegs, was einiges über die Ausmaße dieses riesengroßen Sees sagt. Aber in Amantaní angekommen, hat es sich mehr als gelohnt! Die Insel ist noch sehr ursprünglich gehalten, es gibt keine Autos, keinen Verkehr, kein fließendes Wasser, keine Straßenlaternen oder ähnliches. Die quechua-sprachigen Menschen leben in sehr einfachen Häusern und organisieren das ganze Leben auf der Insel selbst. Eine unglaubliche Ruhe empfing uns dort. Mir ist nie zuvor so klar gewesen, wie laut unser Leben eigentlich ist und wie abhängig wir von der Technik sind.
Wir wurden Familien zugeteilt, bei denen wir essen und schlafen sollten. Nach einem leckeren Mittagessen trafen wir uns auf der Plaza de Armas und begannen mit dem Aufstieg. Auf Amantaní gibt es zwei große Hügel, Pachamama und Pachatata (Vater Erde), wobei Pachatata der größere der beiden ist. 40 Minuten dauerte es, bis wir oben angekommen sind. Irgendwann zeigte mir jemand den Trick, dass der Aufstieg leichter ist, wenn man rückwärts geht, und das ist es tatsächlich, auch wenn es einfach nur bescheuert aussieht. Um mit der Luft besser klarzukommen, wurde uns ein Kraut in die Hand gedrückt, das wir zerreiben und anschließend an unseren Händen riechen sollten, wodurch man wirklich besser Luft kriegt. 40 Minuten dauerte es, bis wir oben waren, und ich habe mich währenddessen die ganze Zeit gefragt, warum niemand eigentlich erzählt, wie anstrengend der Aufstieg wirklich ist und dass man sich zu jedem Schritt zwingen muss. Aber als wir oben waren, wurde mir klar, dass es einfach viel mehr zu erzählen gibt und das dadurch nebensächlich wird. Alle waren sich einig: „Vale la pena!“ (den Schmerz ist es wert!), denn die Aussicht war atemberaubend. Die Anden, der See, der Blick bis nach Bolivien und dieser unglaubliche Himmel … das kann man nicht beschreiben.
Auch oben gibt es ein Ritual, das Glück bringen soll. Dazu liefen wir drei Runden, die erste ist für die Liebe, die zweite ist für die Gesundheit und die dritte ist für die Arbeit. Danach sucht man sich drei kleine Steine und stellt sie übereinander.
Der Abstieg ging wesentlich schneller und nach dem Abendessen ging es weiter zu der täglich stattfindenden Fiesta. Dazu bekamen wir die traditionellen Kleider angezogen und tanzten zur typischen Andenmusik. Was mich dabei am meisten beeindruckt und nachdenklich gemacht hat, war dieses harmonische Zusammensein von Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben und Sprachen aus so vielen verschiedenen Ländern und Kulturen und der Hippie in mir fragt sich dabei, warum das nicht immer so sein kann.
Als es anfing zu regnen wollten wir langsam nach Hause. Unterwegs gerieten wir dabei aber in den stärksten Regen, den ich jemals erlebt habe, innerhalb weniger Minuten verwandelten sich die Wege in Bäche. Leider war es nicht nur Regen, sondern auch noch Hagel, und das gleichzeitig, sodass wir völlig durchnässt zu Hause ankamen. Die Betten waren zwar bequem und warm, aber ich hatte ein wenig Grauen vor dem nächsten Morgen, da ich nur ein Paar Schuhe mit hatte. In diesem Moment habe ich meine Mutter sehr vermisst, die mich gezwungen hätte, mindestens zwei Paar Schuhe mitzunehmen, wenn sie gewusst hätte, dass ich in der Regenzeit dorthin wollte … aber so musste ich es eben auf die harte Tour lernen. ;)
Auf Taquile
Am nächsten Morgen ging es nach dem Frühstück weiter nach Taquile, eine andere Insel, die aber wesentlich touristischer ist. Das allerdings auch nicht ganz ohne Grund, denn das Faszinierende an Taquile ist die Kultur. Die Männer haben alle Mützen auf. Sind die Mützen rot, ist der Träger verheiratet, sind sie weiß, ist er noch single. Wenn dieser unverheiratete Mann seine Mütze nach hinten trägt, hat er auch kein Interesse, trägt er sie nach links, ist er auf der Suche, trägt er sie nach rechts, möchte er bloß ein kleines Abenteuer erleben. Ich bin stark dafür, diese Mützen auch in Deutschland einzuführen.
Nach einigen Stunden Aufenthalt wollten wir dann nach Puno starten, der Motor sprang aber erst nach einigen Versuchen an. So fing es an … ungefähr zweieinhalb Stunden später waren wir nicht mehr weit von Puno entfernt, als der Motor seinen Geist aufgab. Ohne Motor waren die Wellen um einiges stärker und schaukelten unser Boot hin und her. Wir hatten alle das Gefühl, uns in einem kleinen Papierboot auf dem Ozean zu befinden, so stark wurden wir hingeschaukelt, und dummerweise kann man sich auch sehr gut bildlich vorstellen, wie das Boot umkippt … unser Kapitän versuchte die ganze Zeit, den Motor wieder anzukriegen, während wir immer panischer wurden. Schließlich gelang es ihm doch noch und der Schrecken ließ langsam nach, auch wenn wir trotzdem sehr froh waren, in Puno wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Und dann ging es auch schon wieder nach Arequipa und ab ins Bett, voller neuer Eindrücke, Erlebnisse, Erkenntnisse, Bilder und Fragen. Von allen Reisen, die wir bisher unternommen haben, war diese die schönste und die Worte zu finden, um meine Gefühle und Gedanken zu beschreiben, ist schwer, daher seht euch einfach die Bilder an, vielleicht können sie auch das widergeben. Ein bisschen zumindest.
Juliaca


Umgebung von Juliaca


Und der Himmel erst!




Am Morgen am Titicaca-See









Auf Amantaní




Pachatata, sieht harmlos aus, hats aber in sich.











Sonntag, 8. Januar 2012

Veränderungen

Aus dem Loch, in dem ich noch vor wenigen Tagen war, bin ich mittlerweile wieder raus, auch körperlich gehts mir soweit wieder ganz gut. 2012 hat beschissen angefangen, also kanns nur noch besser werden und ich bin mir sicher, das wird es auch. :) Ich möchte mich aber auch bei den ganzen Leuten bedanken, die mir nach dem letzten Blogeintrag geschrieben haben - auch wenn ich noch nicht jede Nachricht beantwortet habe, habe ich mich über jede sehr gefreut!
Das neue Jahr hat auch gleich ziemlich viele Veränderungen gebracht. Die vielleicht gravierendste betrifft das Wetter und auch wenn Gerede übers Wetter normalerweise oberflächlicher Smalltalk ist, den ich nicht ausstehen kann, ist es im Moment mehr als nur gerechtfertigt! Ende Dezember hat es ja angefangen zu regnen, was ich anfangs auch noch ganz toll fand. Der Misti lässt sich vor lauter Wolken nicht mehr blicken und auch die Sonne scheint fast gar nicht mehr, nur manchmal kurz am Morgen. Das hat wiederum direkte Auswirkungen auf unser Wasser hier, da wir nur warm duschen können, wenn das Wasser von der Sonne gewärmt wird, was im Moment nun nicht mehr der Fall ist. Dementsprechend ist die Duschmoral von uns allen derzeit ziemlich niedrig und wenn man wirklich mal wieder duschen muss, springt man für zwei Minuten drunter, macht beim Haarewaschen die merkwürdigsten Verrenkungen, um dem kalten Wasser möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, und jammert dann den Rest des Tages über dieses blöde kalte Wasser.
Pünktlich am Nachmittag fängt es an zu regnen und hört stundenlang nicht mehr auf. Leider ist unser Haus ein wenig undicht, weshalb das Treppenhaus dann regelmäßig unter Wasser steht. Noch schlimmer sind aber die Straßen, die derzeit eher Seen oder Bächen ähneln. Eine Kanalisation ist zwarwirklich eine tolle Erfindung, aber wird ja irgendwie auch völlig überbewertet ... irgendwie fühle ich mich an die Deutsche Bahn und ihre Probleme damit, dass jedes Jahr wieder Winter wird, erinnert.
Andererseits kann man dadurch aber auch jede Menge Spaß haben und lange werden wir ohnehin nicht mehr in Arequipa sein. Bald geht es mit den Kindern für ein paar Tage an den Strand (auch wenn bis heute noch nicht klar ist, wohin wir fahren und wie lange wir fahren) und dann folgt auch schon ein kleiner Lima-Urlaub mit anschließendem Zwischenseminar in Cerro Azul. (Und dass Zwischenseminar Halbzeit bedeutet, möchte ich mir noch gar nicht vorstellen.)

Die Kinder haben im Moment Ferien, wodurch sich auch für uns die Arbeit wieder verändert hat. Ich fange erst morgen wieder an zu arbeiten und es sieht so aus, dass einer die Morgenschicht hat und von neun bis eins arbeitet und in der Zeit die Kleinen betreut, weil die Großen "Vacaciones útiles" haben, also im Prinzip Unterricht von verschiedenen Studenten. Die anderen beiden sind dann am Nachmittag dran, die Großen betreuen, die "lectura" haben, also lesen sollen, spielen und dann irgendwann mit ihnen Fernsehn schauen. Am pädagogischen Sinn von letzterem zweifle ich ziemlich, aber leider haben wir hier nicht viel zu sagen.

Und sonst herrscht hier derzeit ein ständiges Kommen und Gehen. Diese Woche hatten wir Besuch von einer Freiwilligen aus Chile; als sie gegangen ist, ist dafür Steffen gekommen, ein Freiwilliger aus Lima, dem ich es zu verdanken habe, dass ich nun auch endlich mal die Kathedrale Arequipas besucht habe und mit dem wir gestern einen verdammt lustigen Abend hatten inklusive improvisiertes Fußbad und die Erkenntnis, warum die Peruaner Pisco eigentlich niemals mit Inca Kola mischen (weil Pisco mit Inca Kola wie purer Pisco schmeckt). Steffen reist heute ab, dafür zieht unsere Vorvorvorfreiwillige, die wieder in Arequipa ist, wahrscheinlich für eine Woche zu uns.
So ist im Moment auch viel mehr Leben in diesem Haus, das für drei Menschen einfach viel zu groß ist. Abgesehen davon, dass es auch viel zu viel zu putzen gibt und es sich ohnehin nicht lohnt, weil es am nächsten Tag schon wieder so staubig ist wie vorher. Naja, der gute Wille zählt ja bekanntlich auch.

Dienstag, 3. Januar 2012

Baja.

Zwar wollte ich mich eigentlich erst, wie geschrieben, Mitte Januar mit einem Reisebericht und Fotos wiedermelden, aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt ... die Erkältung, die ich glaubte zu haben, hat sich schließlich als Lungenentzündung herausgestellt. Nicht dass ich freiwillig zum Arzt oder gar ins Krankenhaus gefahren wäre - das wurde mir dann von Niko abgenommen, nachdem ich am Abend des 29. keine Luft mehr gekriegt habe, weil der Husten zu schlimm wurde. Kommentare zum peruanischen Gesundheitssystem, bekannt als eines der schlechtesten Lateinamerikas, verkneife ich mir an dieser Stelle außer - Peru hat eine der höchsten Mütter- und Säuglingssterblichkeitsraten Lateinamerikas und ich kann mir sehr lebhaft vorstellen, wie diese zustande kommen.
Jedenfalls habe ich Silvester so nicht am Strand verbracht, sondern alleine in meinem Zimmer. Ich hoffe, dass ich niemals wieder ein so einsames und trauriges Silvester erleben muss und ich hoffe auch für jeden anderen, dass er niemals in den zweifelhaften Genuss dieser Erfahrung kommen muss. Irgendwann habe ich mir geschworen, dass ich Silvester am Strand innerhalb der nächsten fünf Jahre in Australien oder Neuseeland nachholen werde ... wir sehen uns dann dort. :)
Mittlerweile bin ich zum Glück nicht mehr im Krankenhaus, wo sie mich nur mit Blutabnehmen und Infusionen gequält haben und es ja nun wirklich nicht viel bis gar nichts gibt, vor dem ich mehr Angst habe als vor Spritzen. Dafür habe ich absolute Bettruhe verordnet bekommen und liege seitdem rum, schaue Scrubs, schlafe und beantworte endlich mal die ganzen Mails, die in den letzten Wochen und Monaten unbeantwortet geblieben sind. Es ist einfach nur sowas von langweilig und in den letzten Tagen hatte mich auch das Heimweh ziemlich gepackt. Ich wollte, oder will, nach Deutschland, zurück in mein Machern, zu meiner Familie, zu meinem Hund, zu meinen Freunden ... baja, Alemania, baja por favor!
Das wird wieder, da bin ich mir sicher, spätestens wenn ich wieder was zu tun habe und wieder draußen bei den Kindern bin. Ich habe auch darüber nachgedacht, ob ich das überhaupt posten soll, weil es wirklich sehr persönlich ist, aber dieses Jahr ist eben kein Urlaub, in dem alles nur toll und wunderbar ist.
Ich merke, dass ich zwar vieles hier selbstständig in den Griff kriegen muss und auch kriege, aber genauso auf die Unterstützung einiger lieber Menschen in Deutschland angewiesen bin. Und ich merke sehr deutlich, wer diese Menschen sind und wer wirklich an mich denkt und wer wirklich zählt. Und genauso merke ich, dass bei diesen Menschen auch 11,000 km Entfernung nichts ausmachen. Danke an diese Menschen. Ich glaube, sie wissen, dass sie gemeint sind.

 



So, so you think you can tell?
Heaven from hell
Blue skys from pain?
Can you tell a green field
from a cold steel rail?
A smile from a veil?
Do you think you can tell?

And did they get you to trade
your heroes for ghosts?
Hot ashes for trees?
Hot air for a cool breeze?
Cold comfort for change?
And did you exchange
a walk on part in the war
for a lead role in a cage?

How I wish, how I wish you were here
We're just two lost souls
swimming in a fish bowl
year after year
Running over the same old ground
And how we found
the same old fears
Wish you were here. 

(Pink Floyd - Wish you were here)