Montag, 12. März 2012

Allein zu Haus

Niko ist seit ein paar Tagen weg und fliegt nach Deutschland zurück. So richtig ohne ihn kann ich es mir noch nicht vorstellen, wir hatten immer viel Spaß zusammen und man konnte mit ihm so herrlich asozial sein. Seine Verabschiedung war auch ziemlich emotional mit Tränen auf allen Seiten – und auf einmal war es ganz real, dass man wirklich irgendwann gehen muss und das nicht nur so ein Gerücht ist.
Durch den Abschied wurde auch die Theorie genährt, nach der Niko und ich zusammen sind, wobei mir da auch schon neuerdings das Gerücht zu Ohren gekommen ist, dass Niko und ich wirklich nur Freunde wären und ich dafür mit dem neuen Tutor der Jungs eine Beziehung hätte, aber so ganz sicher ist das auch nicht, jedenfalls versuchen die Kinder uns immer noch zu verkuppeln.
Ramona ist gestern auch aufgebrochen; ihr Vater und ihr Freund sind derzeit zu Besuch und gemeinsam reisen sie jetzt für die nächsten zwei Wochen in Peru herum.
Und so allein schweigt das Haus schon sehr.
Vielleicht kommt es mir nur so vor, aber die Tauben fühlen sich dadurch anscheinend herausgefordert, jetzt erst richtig Krach machen zu müssen und blöderweise haben sie auch Unterstützung bekommen. Dem Papageien, der früher in den Bäumen der Aldea gelebt und dort fröhlich vor sich hin geschrien hat, gefällt es neuerdings auf unserem Hausdach besser. Er legt sich immer mit den Tauben an und gemeinsam verursachen sie einen solchen Krach, dass ich mir manchmal eine Schrotflinte wünsche.
Auch ein alter Bekannter lässt sich wieder blicken: Es regnet wieder und manchmal glaube ich, im falschen Jahr nach Peru gekommen zu sein. Alle sind einstimmig der Meinung, einen solch starken Regen hätten sie noch nie erlebt, durch die Überschwemmungen wurden zahlreiche Gebäude zerstört und am Fluss mussten die Menschen evakuiert werden. Jetzt ist das Klima jedoch noch einmal anders: Am Morgen ist der Himmel strahlendblau und die Sonne scheint heiß, am Nachmittag kommt es jedoch zu sehr kurzen, aber umso stärkeren Regenfällen, begleitet von Gewittern. Die Kinder haben sogar schulfrei, da die Schulen wohl unter Wasser stehen. Aber um nicht ganz so negativ zu klingen: Immerhin regnet es nicht wieder den ganzen Nachmittag durch und außerdem sind die Sonnenuntergänge im Moment ein Traum und auch der Himmel, aber dass ich total auf den Himmel in Hochgebirgen stehe, hatte ich ja schon einmal näher ausgeführt. ;)
Strom, Wasser und Internet sind auch nach wie vor noch eine Sache. An dem Tag, an dem wir durchgängig alle drei haben, mach ich mir drei Kreuze im Kalender, gerade in Bezug auf das Internet. Das funktioniert ungefähr zehn Minuten am Stück, dann ungefähr eine Stunde nicht, dann wieder für zehn Minuten, dann wieder eine Stunde nicht, ein endloser Kreislauf.
Ganz so schlimm ist es aber nicht, wenn mir abends langweilig ist, gehe ich einfach raus zu den Kindern und spiele mit ihnen Karten, Schach, Halli Galli oder wir reden einfach - auch wenn ungefähr 95% lieber Fernsehen gucken wollen, ein paar haben da nie so Lust drauf, sodass ich immer mit diesen spiele. Auch der Sonntagabend ist ganz lustig: Ich geh mittlerweile gern in die Messe mit, weil es einfach zu herrlich ist, den Kindern dabei zuzuschauen, wie sie einer nach dem anderen einschlafen oder vergeblich versuchen, sich wachzuhalten.
Dafür hat es die Aldea nach drei Monaten endlich geschafft, die Klingel an der Tür zu reparieren, sodass man jetzt nicht mehr wie ein Verrückter an der Tür klopfen, sich die Seele aus dem Hals brüllen und hoffen muss, dass einen auch irgendwann jemand hört, sondern, unglaublich aber wahr, einfach nur noch klingelt. Nachdem man regelmäßig fünf bis zehn Minuten draußen warten musste, ist das wirklich eine großartige Sache. 
Auch sonst ähnelt die Aldea im Moment einer Baustelle: Das Haus der Kleinen wird renoviert, weshalb die gerade alle im Haus der großen Mädchen untergebracht sind. Die viel bessere Neuigkeit ist aber, dass auf das Haus der Jungs ein zweites Stockwerk gebaut wird, sodass sie endlich nicht mehr zu acht in einem Zimmer schlafen müssen. Bis das fertig ist, kann es aber noch ewig dauern, weshalb die Jungs jetzt in die kleine Hütte umziehen mussten, die eigentlich mal das Spielzimmer war. Da regnet es rein, die Luft ist furchtbar, es gibt lauter Fliegen und umso weniger Platz und in Deutschland wäre das wohl fast schon Kindesmisshandlung. Die Jungs ertragens aber mit Fassung. 
Die Kinder stehen im Moment auch sehr darauf, dass ich Fotos von ihnen mache und diese dann ausdrucken lasse, was bedeutet, dass ich dazu immer ins Centro fahren muss. Immerhin kriegt man so schöne Portrait-Fotos auch der Kinder, die sich sonst nie fotografieren lassen wollen. Und wenn ich dann im Centro bin, stelle ich immer wieder fest, dass mein nicht vorhandener Orientierungssinn mich wirklich nie im Stich lässt und ich auch nach sieben Monaten, die ich jetzt schon in Arequipa lebe, die einfachsten und tausendmal besuchten Orte nicht finde. Das muss man auch erst einmal fertig bringen. 
Diese und andere Fotos der letzten Wochen lade ich aber jetzt nicht hoch; man muss das Internet schließlich nicht herausfordern. Sollte das Internet in ferner Zukunft vielleicht ein wenig stabiler sein, hole ich das jedoch nach. Aber daran kann ich noch nicht so richtig glauben. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen